Kurt Drawert
Die Aufklärung der Aufklärung

Rede zur Verleihung des Lessingpreises des Freistaates Sachsen

»Ich bin in einer Verlegenheit, denn einerseits möchte ich meinen Dank für die Ehre bekunden, heute hier sein und den Lessingpreis entgegennehmen zu dürfen, kann aber andererseits keine passenden Worte dafür finden, die von einer angemessen positiven Grundstimmung wären, und enden mit einem obligaten: Alles wird gut. Denn nichts, gar nichts wird gut, was wir selber nicht tun, und dass alles gut sei, kann nur sagen, wer mit einer Denkstörung bevorzugt worden ist und sowieso nichts mehr merkt. Oder, mit Lessing gesprochen: ›Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren.‹ Würde ich jetzt aufzählen wollen, wegen welcher kollektiver Verbrechen, politischer Ausfälle, wirtschaftlicher Entgleisungen oder gruppensozialer Psychosen man auf der Stelle, sofern man gesund ist, verrückt werden müsste, säßen wir bis zur nächsten Lessingpreisfeier hier fest. Also kürzen wir ab und fassen zusammen: Die Welt ist merkwürdig dunkel geworden, obgleich sie doch hell ist. Sie ist sogar heller als jemals zuvor, und lauter, und höher, und schneller sowieso. Es hat noch nie so viel Glanz und Gloria gegeben, so viel Suchtstoff und Blendwerk, wohlgemerkt hier, in unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft. Weil der Schein aber trügt, lügt auch das Bild. Und wir spüren es auch – etwas stimmt daran nicht. Der Vorhang der Illusion, alles sei geordnet und für die Ewigkeit verpackt, reißt auf von Stunde zu Stunde, von Nachricht zu Nachricht, von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz. Unsere Welt verändert sich in einer Geschwindigkeit und Radikalität, für die es noch keine Sprache und keine Vorstellung gibt. Es ist ein Paradigmenwechsel, der sich vollzieht und der wirkt, nicht aber gedacht werden kann, weil er die Bibliotheken des Wissens verlässt, ohne neue zu gründen […]«

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Peter Geist
Laudatio auf den Lessing-Preisträger 2017 Kurt Drawert

Kamenz, den 21. Januar 2017

»Es ist fürwahr eine weise Entscheidung, den Schriftsteller Kurt Drawert mit dem Lessing-Preis zu ehren. Sein gesamtes Schaffen ist stringent den hoch verwickelten Dialektiken von Selbst- und Welterkenntnis verpflichtet und damit auch dem Erbe aufklärerischen Denkens. Aufklärung nach den Fortschrittseuphorien des späten 18. und des 19. Jahrhunderts hatte seit Anbeginn der Moderne, so sie denn den Begriff noch sinnvoll mit Bedeutungen laden wollte, sich mit den „Rückseiten der Herrlichkeit“ (Drawert) ebenso ins Vernehmen zu setzen wie mit den Umwälzungen in Wissenschaften wie der Physik, Psychologie, Semiotik, Soziologie, Anthropologie im 20. und 21. Jahrhundert. Kurt Drawert nahm sich dieser Sisyphos-Arbeit in bewundernswerter Intensität an, und dies in allen literarischen Gattungen. Von Beginn an empfand er es als „eine enorme Bereicherung, ein Objekt so drehen zu können, dass es immer auch seine Rückseite zeigt, sein abgewandtes, zweites System. Die Wahrheit hält immer auch ihr Gegenteil umschlossen, und deshalb besitzen wir sie nicht.“ Nicht Hybris, sondern Demut angesichts unserer Erkenntnisbegrenzungen dirigiert sein gerade deshalb hartnäckiges Insistieren auf ein Mehr an Durchschaubarkeit in schier undurchschaubaren, angsteinflößenden Verrückungen im Weltgefüge. Es bedarf allerdings einer mit Foucault und Lacan unterfütterten Erkenntnisarbeit, die die Dispositive der Macht ebenso einschließt wie die unbewussten Seiten politischen Verhaltens in Verhältnissen, um die damit verbundenen Kapriolen der Differenzen von Sprachbestand und Sprachverwendung bloßzulegen, mündend etwa im Topos vom „entleerten Signifikanten“. Das dünkt nun ziemlich theoretisch, bildet aber Denkgerüste aus, um scheinbar singuläre Ereignishaftigkeiten in Zusammenhänge zu binden und damit überhaupt erst geschichtlich zu verorten. Deshalb, liebe hoffentlich zahlreich zuhandene Freunde des Ballsports, erlaube ich mir zwei Abschweifungen in die unmittelbare Aktualität der Sportnachrichten nebst verallgemeinbarer Ableitungen: Nachdem, wie Sie alle mitbekommen haben, die Erbscheichs durch Stimmenkauf eine Fußball-WM in den katarischen Wüstensand gesetzt haben werden, sorgten sie nun im Verein mit einem ägyptischen Weltverbandsdiktator und Funktionärsblindheit zudem dafür, dass Millionen deutsche Handballfreunde in die nur noch im Sprachgebrauch vorhandene Röhre schauen dürfen. Die nackte Profitgier weniger Ultrareicher obsiegt nicht nur hier symbolisch, sondern handfest über das Handball-Fest, die bislang gültige Selbstverständlichkeit, eine Handball-WM fernseherisch verfolgen zu dürfen. Der Signifikant WM trudelt ins Leere, weil sich das Signifikat der Wahrnehmung genau jetzt entzieht. Auch die von der FIFA gerade verfügte Ausweitung der Fußball-WM-Teilnehmerzahl auf 48 Mannschaften gegen jede Vernunft gibt beredte Auskunft über die Entleerung von Sinngehalten, sprich: über die Herrschaftsübernahme weitgehend leerer Signifikanten. Sportpolitik auch semiotisch zu lesen habe ich nicht zuletzt bei Kurt Drawert gelernt. Ende der Abschweifung […]«

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