Deckblatt Emma. Ein Weg

Emma. Ein Weg

Flaubert-Essay
mit Fotografien von Ute Döring
Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
120 Seiten, 31 Abb., EUR 16
ISBN 3-85449-228-6

  • Textauszug

Etapes 10 et 11: Héronchelles et Rebets

Mit der Treue eines Touristen zu seinem Reiseführer fahre ich dem Emmaschild nach, als suchte ich die Orte ihrer Geschichte und nicht die Geschichte von Verblendung und Leidenschaft selbst. Aber was ich genau von dieser mir merkwürdig real gewordenen Person will, ist mir ebenso verborgen wie der Grund, diesen Roman so oft wie keinen zweiten gelesen zu haben. Natürlich ist er eine Art Lexikon der Stilkunde und vereint wie kaum ein anderes Werk sämtliche modernen Techniken des Erzählens, was ihn zu einem Fundament der literarischen Avantgarde vor allem in Frankreich gemacht hat. Das aber wäre kein Anlaß zur wiederholten Lektüre, und auch die Handlung selbst ist so überschaubar und im Grunde auch simpel, daß sie zunächst einmal kein Geheimnis behält, durch das sich eine Ergriffenheit wiederholt herstellen ließe: Unglückliche Ehefrau stürzt sich in ihrer Sehnsucht nach Liebe in verhängnisvolle Affären, stopp, verstrickt sich in Lügen und stürzt in finanzielle Verschuldung, stopp, findet den Ausgang nicht und tötet sich im Affekt. Diese Allerweltsvorlage wäre nun durchaus auch geeignet zur Blümchentapete, und es gehört schon einiges dazu, diesen von Klischees überlagerten Stoff auf die Höhe einer einzigartigen Aussage zu bringen und in das Sammelsurium der Banalitäten Chiffren einer höheren Ordnung zu schmuggeln. Aber wodurch gelingt es? Es muß an der Erzählperspektive liegen, an dem kühlen Blick des Erzählers, der seine Figuren auf Abstand hält und es dem Leser überläßt, ihnen ihre Bedeutungen zuzuerkennen. Ich weiß nicht, ob je untersucht worden ist, in wieweit die Erfindung der Fotografie einen Einfluß auf Flauberts Poethologie gehabt hat, denn sein Erzähler gleicht einem Fotografen und das Erzählte einer Fotografie, die das Detail seinem Kontext entreißt und es damit wahr ohne Wahrheit sein läßt. Allein der Betrachter hat die Entscheidung zu treffen, was er wie sehen will, und das wiederum hängt davon ab, in welchen Zusammenhang er sich das Dargestellte imaginiert. Auf die Literatur übertragen, sind wir also vollkommen frei, unsere jeweilige Gegenwart auf die historische Folie zu legen und ihr anzuvertrauen, was unsere Fragen und Konflikte sind; und das auch ist die unbedingte Aktualität, die aus den agierenden Personen und ihren im Handlungsverlauf zwar festen, im Sinn der Handlung allerdings labilen und damit austauschbaren Rollen hervorgeht. Ich also bin es, der seine Veränderung erfährt, wenn ich die Figuren wie durch ein Kaleidoskop gesehen immer wieder verändert vorfinde. Nein, ich mochte Emma nicht, als ich ihr das erste Mal vor vielleicht zwanzig Jahren begegnet bin. Ihre Großsucht, ihre Exaltiertheit und Hysterie stießen mich ab. Kaum daß ihr Landarztgatte das Pferd vom Pflock gebunden hatte und zu seinen Patienten ritt, flirtete sie sich die Augen wund, und kaum daß sie von ihren amourösen Ausflügen enttäuscht und geschlagen zurückkam, verfiel sie in Depressionen und stürzte dem hintergangenen Charles, den sie bis eben noch mit Verachtung strafte, ohnmächtig in die Arme, um sich von ihm wieder gesundpflegen zu lassen. Und was tat sie? Nichts Besseres, als auf originelle Weise die Servietten zu falten, während Charles unermüdlich arbeitete, um seiner geliebten Emma etwas Luxus zu bieten. Am scheußlichsten fand ich den Moment, als Charles die Klumpfußoperation an Hippolyte geglückt zu sein schien und er … bemerkte, daß sich sein Ansehen vergrößerte, sein Wohlstand zunahm, seine Frau ihn noch immer liebte; und sie war glücklich, sich an einem neuen, gesünderen, besseren Gefühl zu laben, endlich eine gewisse Zärtlichkeit zu empfinden für diesen armen Kerl, der sie hingebungsvoll liebte. Einen Augenblick lang ging ihr der Gedanke an Rodolphe durch den Kopf; aber ihre Blicke wandten sich wieder Charles zu; sie stellte sogar mit Erstaunen fest, daß er gar keine schlechten Zähne hatte. Die Zuwendung, die Charles von seiner Frau zu erwarten hatte, war also vollkommen davon abhängig, wie erfolgreich, angesehen und vermögend er war, und damit war er, der Mann, das Opfer einer allein auf Vermehrung des Geldes orientierten Gesellschaft, deren gnadenlose Zielstrebigkeit die Frau mit sexueller Belohnung oder Bestrafung nicht nur mitregulierte, sondern vielleicht schon hervorrief. Sie, Emma, ist der heimliche Motor des Utilitarismus, dachte ich, ihre Begierde nach kostbaren Dingen ist die Energie, die sich über die Mechanismen der Liebeszuteilung auf den Mann überträgt, der, um ihr zu gefallen, für sie diese Welt anschafft. Ich sah Charles, dem mein ganzes Mitgefühl gehörte, von Emma kastriert, impotent gemacht von einem inaugurierten Komplex, der die Libido direkt an materiellen Erfolgszwang bindet. Wie konnte es nur zu diesem grandiosen Fehlurteil kommen, fragte ich mich, daß Emma zur Symbolfigur der weiblichen Emanzipation werden konnte und vom Emma-Laden bis zur Emma-Zeitung in diesem Sinne vereinnahmt ist? Haben die Frauen in den Kampfvereinen das Buch nicht gelesen und wissen demnach nicht, daß ihre Heldin eine zornige Amazone ist? Oder verehren sie sie gerade deshalb? Jetzt aber, wo ich mich noch einmal intensiv in diese Geschichte begab, waren meine Verhältnisse zu den Figuren und vor allem zu Emma andere. In meiner Absicht, diesen Stoff zu dramatisieren, interessierte mich zunächst nur der Szientismusdiskurs; aber dann war mir Emma wie der Körper meines Themas erschienen, so daß ich sie im Zentrum behalten mußte, auch wenn sie natürlich nicht das Zentrum ist. Aber wer ist Emma?