Deckblatt Fraktur

Fraktur

Prosa, Lyrik, Essay
Reclam Verlag, Leipzig 1994
255 Seiten, Broschur, DM 22
ISBN 3-379-01492-3

  • Textauszug

Die Gewalt des Schweigens

I

Näher kommen die Kriege

Die verblichenen Blumengebinde
am Grabstein der Helden:
sie bedeuten nichts mehr,
und auch wir sind vergessen
in unseren Städten –

in der Neige des Sommers, später,
wenn von Siegen schließlich
niemand mehr spricht und die Schriften
ihr Schweigen erreichen,
liegt nutzlos, was wir erfanden,
wie Strandgut verlassener Küsten,
auf sterbliche Steine gebreitet –

noch gehen wir aufrecht
zwischen Maschine und Abfall,
noch ist nicht alles entschieden,
noch scheinen die anderen Tiere
in chemischen Sümpfen zu schlafen –

doch näher und näher
kommen die Kriege.

II

Daß die Wirklichkeit die Wahrheit der Texte einmal berühren und vielleicht sogar überzeichnen könnte, ist eine Furcht beim Schreiben, wie ich sie gelegentlich erlebe. Denn das Gedicht, je tiefer es sich in die dunkle Ahnung von Krisen begibt, möchte nur ästhetisch im Recht sein; es verlängert das Reale um die Dimension seiner Möglichkeiten und wünscht sich zugleich, ein Sprachbild zu bleiben; es zielt, auch wenn es selbstbewußt auftritt und mit Bestimmtheit redet, auf den Konjunktiv, und sein substantielles Zentrum demnach ist die Vermutung. Andernfalls könnte der Autor seine Texte nicht überleben. Doch er überlebt sie, da er sie selbst für eine Einbildung hält, für Übertreibungen, die nötig sind, um die sichtbare Welt über die Schwelle ihrer Bilder zu heben, dorthin, wo sie schon als eine entworfene Zukunft Antworten liefert. Was nun aber, wo die Übertreibung nicht stattgefunden hat, weil das Reale mächtiger wurde, grausamer, obszöner? Wo der mahnende Konjunktiv ein Understatement ist, eine hilflose, lächerliche Figur der Phantasie vor den Ereignissen selbst, wie sie eingetreten sind? Dann, spätestens, ist auch das Gedicht in Gefahr, am eigenen Stoff zu verlöschen, denn es hat seine Metaphern verloren und sein imaginäres Konzept; es ist, mit einem Wort gesagt, zum Opfer dessen geworden, dem es einen Namen gegeben hat und das es bannen wollte mit seiner Form. Wenn es dennoch poetische Kraft behält, dann am ehesten aus der zeitlichen Differenz von Entstehung und jenem Übergriff der tatsächlichen Welt ins Innere seiner sprachlichen Ordnung. Das Gedicht »Näher kommen die Kriege« entstand 1995, nur wenige Jahre vorher also, ehe nun »die Schriften/ihr Schweigen erreichen«. (Denn was ist Krieg anderes als die monströse Gewalt des Schweigens am Ausgang gescheiterter Texte, die dieses Jahrhundert hervorgebracht hat. Oder aber wir glauben auch jetzt noch, daß Kriege eine Erscheinung der Ferne sind, wo sie barbarisch geblieben ist und rohe Natur. Doch das, fürchte ich, fällt schwerer von Stunde zu Stunde.)