Deckblatt Haus ohne Menschen

Haus ohne Menschen. Zeitmitschriften

Essays
Suhrkamp Verlag 1993
es 1831, 120 Seiten, DM 14,80
ISBN 3-518-11831-5

Zum Ingeborg-Bachmann-Preis 1993 für »Haus ohne Menschen. Ein Zustand.«

Peter Demetz: »Ich finde in ihm jene radikale Einsicht in Dinge und Verhältnisse und zugleich jene sprachliche Originalität, die die Literatur weiterbringt.«

Werner Fuld: »Ich stimme für einen Text abseits der literarischen Moden und der zeigt, was Literatur sein sollte: daß Aufschreiben auch Erinnern ist. Der Text zeigt Bilder der Zerstörung von Menschen und Natur, deren apokalyptische Kraft wir nicht mehr vergessen werden.«

Wilfried Schoeller: » Das ist für mich der genaueste Text, den man nach dem Ende der DDR schreiben kann.«

Verena Auffermann: »Ein Requiem.«

Pressestimmen zu »Haus ohne Menschen. Zeitmitschriften«

»Trauer über die verlorenen Jahre, Zorn über den Freund, der, indem er den Freund verriet, zugleich die Literatur verraten hat, prägen diese Essays. Drawert wehrt sich gegen die These von Mitläufern wie Verrätern, daß die Stasi nicht nur mit Verbot und Verfolgung die Literatur lenkte, sondern genauso über die Erlaubnis und Tolerierung bestimmter Werke. Es sind melancholische Betrachtungen über den Verrat der linken Intellektuellen, die, anders als Benn, Spengler, Jünger, Marinetti oder Pound, nicht einmal Gesinnungstäter, sondern lediglich Zyniker und Gesinnungsverräter waren.«

Aus: „Das Buch des Tages. Kurt Drawert: Haus ohne Menschen«, DIE WELT am 5.4.1994

»Im ›Verdrängungsprozeß einer gescheiterten Elite‹ erscheint in diesen Aufsätzen das wahre Dilemma jener, die sich einst als ›Unentbehrlichkeitsfiguren‹ des Realsozialismus aufführen konnten: ›Auf dem Hintergrund zahlloser Existenzen, denen das Rückgrat gebrochen ist, heben sie den eigenen verstauchten kleinen Finger als Beweis dafür, auch widersprochen zu haben.‹ Das hatten wir in Deutschland schon einmal. Verständlich, daß Drawerts Sympathie denen gilt, die ›in der Dunkelheit der Fabriken und in den Finsternissen der Geschichte zu finden sind, für die es niemals eine Gelegenheit gab, das Licht der Öffentlichkeit zu sehen, in dem die Intellektuellen sich selbstgerecht spiegelten. (…) Gerade eine westeuropäische Linke mit DDR-Sympathie hätte guten Grund, heute mit sich ins Gericht zu gehen.‹ Daß Drawerts Aufsätze in einem roten Suhrkamp-Bändchen erscheinen, ist wohl als symbolische Bußleistung und prompte Reaktion auf diesen Ratschlag zu verstehen. In Drawerts Attacken ist Notwendiges gesagt. Doch es bleibt ein Unbehagen. (…) Das Unbehagen resultiert vielmehr aus Erfahrungen, die das historisch Aktuelle auch als Exempel des historisch eher Normalen sehen. (...) Wie gesagt, Schufte bleiben Schufte, sind zu demaskieren und zu bestrafen. Doch es wird die Zeit kommen, da dieser Reinigungsprozeß ins Aporetische mündet, ja vielleicht demonstriert er heute schon seine Hilflosigkeit.«

Aus: „Nicht die Sünde selbst. Daher Erbarmen mit dem Sünder: Kurt Drawerts Zeitmitschriften« von Wilhelm Kühlmann, Frankfurter Allgemeine Zeitung am 10.2.1994

»Doch bleibt Drawert nicht bei dieser kompromißlosen Absage an die Zerstörer der Glaubwürdigkeit stehen. Er ist davon überzeugt, daß manche Autoren daß, was er ›die Freiheit des Textes‹ nennt, unzureichend genutzt haben. Es wäre weit mehr und weit konsequenter möglich gewesen, diese Freiheit des Textes auch unter der DDR-Macht zu bewahren. Kurt Drawert (…) findet in den Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträgen zu einem luziden, schlanken und stellenweise auch polemischen Stil, Polemik freilich mit dem Florett ausgefochten. Dann aber, und das ist vielleicht der wichtigste und bedeutendste Teil des kleinen Buches, wendet sich der Autor der Grunderfahrung von Sprache und Freiheit zu. (…) Auf der Sprachebene, die sich Kurt Drawert durch Erinnerung und Reflexion erarbeitet, hat die neue deutsche Literatur eine Zukunft. Das Motto von Jean-Paul Sartre, das er für seine ›Zeitmitschriften‹ gewählt hat, gilt weder der Polemik noch der Klage, sondern der Freiheit des Textes: Wenn die Literatur nicht alles ist, ist sie der Mühe nicht wert. Das will ich mit ›Engagement‹ sagen. «

Aus: „Die beschädigten Jahre entsorgen. Zeitmitschriften von Kurt Drawert« von Anton Krättli, Neue Zürcher Zeitung am 8.12.1993