Deckblatt Rückseiten der Herrlichkeit

Rückseiten der Herrlichkeit.
Texte und Kontexte

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001
br. 234 Seiten
ISBN 3-518-12211-8

Das Theater am Ende seiner Selbstaufgeklärtheit

(»Underground«)

Es war ein glücklicher Umstand, daß ich Kusturicas »Underground« zuerst in Italien als ein in jeder Beziehung Fremder gesehen habe, der weder zu der Sprache der Dialoge, noch zu den Orten der Handlung gehörte. In gewisser Weise saß ich in diesem Kino ebenso verirrt wie einer jener Soldaten, die unter der Erde einen Krieg weiterführten, der im realen Leben der Welt lange schon Historie geworden war. Gerade aber meine naive, allein auf die Bildfolge konzentrierte Zuschauerposition verschaffte mir einen Zugang, wie ich ihn in Deutschland vielleicht nicht gehabt hätte. Denn der Film (und die zahlreichen Nebenverweise überzeichnen es etwas) handelte in der Hauptsache nur von einem: von der Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren in der Gegenwart. Dieser gewaltige Kurzschluß zweier zeitverschobener Phasen von Geschichte, das allein ist sein großes Thema, und die gewiß zweifelhaften politischen Bemerkungen (der Aggressionskrieg der Serben sei ein verlängerter Partisanenkampf gegen den Faschismus usw.) gehören ihm eher schon an, als daß sie es bestimmen. Ich kenne jedenfalls keinen anderen Film, der die Konflikte nicht mehr allein inhaltlich, sondern aus den Zeiten heraus, in denen die Inhalte ihre Schlüssigkeit besaßen, vorgeführt hätte und der genau darin die Voraussage war, daß das Jahr 2000 bereits 1990 mit dem Zusammenbruch des Ostens begann. Die Tragödie, die sich bei Kusturica im Komischen (und nicht etwa im Absurden) zeigt, ist die radikale Nichtansprechbarkeit, wie sie zwischen den Einzelnen der in sich verschlossenen Parteien ebenso herrscht wie zwischen den Parteien selber, die jeweils einer anderen historischen Matrix angehören. Der Krieg ist demnach nicht mehr lediglich das Gemetzel auf einem Schlachtfeld (denn das ist schon die Zusammenfassung des Krieges), sondern er beginnt auf der Ebene einer gestörten Vermittlung in sich geordneter, nicht aber kontaktbegabter Diskurse. (Nichts anderes haben wir wenige Jahre später im Kosovokrieg erlebt, der weniger mit Milosevic als ein inkarniertes Böses zu erklären war als damit, daß er über eine Gefolgschaft verfügte, die seine Ansprüche einzulösen bereit gewesen ist; und nichts anderes auch macht den Rechtspopulisten Haider gespenstisch: daß er kollektiven Zuspruch erfährt und eine politische Latenz zur Sichtbarkeit bringt, die ohne ihn unfaßbar wäre.) Das ebenso erregend wie bedrückend Neue bei Kusturica nun ist, daß diese Diskurse, unfähig, einander eine Antwort zu geben, in Beziehung treten müssen, da es keine Grenzen mehr gibt, die sie daran hindern könnten. Denn die dünne Erdschicht zwischen Unter- und Oberwelt ist derart porös geworden, daß sie schließlich aufbricht und die Gespenster aus den versunkenen Tiefen der Vergangenheit ans Licht bringen läßt. (Unvergeßlich die Szene, in der die Kellermenschen aus dem Untergrund auf die Oberwelt kommen, wo gerade ein Film über sie gedreht wird, der für den Moment des Zusammentreffens von realer Person und szenischem Double sich selber beendet und zu einer blutigen Tatsache wird.) Und genau das ist die geniale Metapher, die den Konfliktstoff des 21. Jahrhunderts benennt: die Nötigung zum Kontakt sich einander ausschließender kultureller Systeme, die solange souverän nebeneinander existieren konnten, solange sie in den verschiedenen Ordnungen von Zeit und Geschichte eingebunden waren. Nichts hat das 20. Jahrhundert stärker bestimmt (und auch stabilisiert), wie dessen Bipolarität. Die großen rivalisierenden Imperien haben sich ein gigantisches Bedeutungszuspiel geleistet, dessen gesicherter Rückverweis auf die eigene Legitimität gerade in der geheimnisvoll bleibenden Chiffre des jeweils Anderen lag. Der Verlust dieser Chiffre durch die Offenbarung, substanzlos und eine bloße Zuschreibung gewesen zu sein, entspricht nun durchaus jenem eben erwähnten Akt von Begegnung der Person mit ihrem Wiedergänger im Film: die Kraft des Imaginären, die sich allein aus der Differenz zweier zeitlicher Ordnungen herstellt, verlischt und wird zur Verletzlichkeit als einer Schwäche des Realen. Nicht daß der Osten als eine zweite Realität verschwunden ist (denn schließlich war er kaum mehr als ein szientifistischer Westen in seiner Rückständigkeit), ist das Problem, sondern daß er nun kaum mehr sichtbar im Kreislauf des Westens erscheint und eine Leerstelle eben dort zurückläßt, wo sich ein Transfer von Konflikten (zum Beispiel über die Produktion von Utopie) einmal einrichten ließ. Denn »der Kommunismus war ein einziger Keller«, heißt es am Ende des Filmes, und Bosnien, »das ist der wirkliche Krieg, der endgültige« (weil eben dieser Keller gesprengt ist). Exakt diese Leerstelle aber ist die Hinterlassenschaft des 20. Jahrhunderts, die nicht nur zwei Zeitrechnungen ineinanderstürzen läßt, sondern auch die ihnen angehörenden Subsysteme. Und ob nun der Osten ein Osten des Westens oder der Westen ein Westen des Ostens geworden ist, wird die Zukunft noch mitzuteilen haben. Klar ist, daß auf diesem Hintergrund einer Zwangssymbiose ehemals getrennter Gesellschaften auch eine veränderte ideologische Komplexität entstanden ist, die nicht mehr rückübersetzt werden kann auf die bekannte politische Asymmetrie bis 1990. Von daher kann es auch keine Kopie des 20.Jahrhunderts mehr geben, wenngleich dessen Merkmale weiter in Fluß bleiben und rhetorisch zirkulieren werden. Und von daher sind auch die Paradigmen zerstört, die solange ihre Gültigkeit besaßen, solange sie in ihrem eigenen Regelkreislauf blieben. (…)