Deckblatt Rückseiten der Herrlichkeit

Rückseiten der Herrlichkeit.
Texte und Kontexte

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001
br. 234 Seiten
ISBN 3-518-12211-8

»Kurt Drawert, essayistisch begabt wie alle Lyriker und noch dazu einer der ungekämmtesten Geister, die aus der DDR ins gemeinsame Deutschland hinüberwuchsen, legt hier seine klugen und amüsanten, teils unerfreulichen Einsichten ins noch immer existierende Nebeneinander bei beiden Gesellschafts- und Seelensystemen dem überraschten Leser vor.«

Jens Jessen, DIE ZEIT, 9.8.2001

»Ob als Reisender, als Lesender oder als Schriftsteller, Drawert ist in allen seinen Texten auf der Spur von dem, was sprachlos macht. So wird Schreiben ein Sichwehren gegen das Verstummen, Zeugnis der Ratlosigkeit, die gleichwohl Antworten vorzuziehen ist, weil sie unseren Möglichkeitssinn offen hält, uns erinnert, wo Vergessen droht. Der Besuch in Auschwitz gehört dazu (nein, kein Besuch! – ein plötzliches Bewußtwerden des Da-Seins an dem Ort der Vernichtung, Oswiecim), die Begegnung mit dem sterbenden Freund, angesichts dessen die Rede von der ›Krankheit‹ (…) radikal aufhört, Metapher zu sein. Und vielleicht ist es ja vor allem der Luxus der Selbstversenkung in ein Gedicht, die Muße, was einen heutzutage vor allen anderen zum Ausgestoßenen macht. Was der in Darmstadt lebende 45-jährige Autor zu erzählen weiß, gehört zum Riskantesten, Verstörendsten und – man muß es im gleichen Atemzug sagen – zum ästhetisch Herausragendsten, was unsere derzeitige Prosa zu bieten hat. Drawert ist ein Meister im Aufspüren von Ressentiments, unterschwelligen Aggressivitäten, menschlichen Verstrickungen. (…) Wer die Verunsicherung durch das geschriebene Wort liebt, der wird von Drawerts Texten in den Bann gezogen, jenen, die von der Mühe des Erzählens künden, und jenen, die uns durch ihr Verschwiegenes ansprechen. Es stimmt schon: ›Sehen ist kein Zustand, sondern eine Entscheidung‹ … ›Die Dinge aber, die angeschaut werden, schauen zurück an der Stelle, an der wir blind für sie sind. Und sie sprechen, wo eine Antwort unerwartet war.‹ – «

Iris Denneler, Neue Zürcher Zeitung, 31.5.2001

»Kurt Drawert, der in Hennigsdorf Geborene und in Dresden Aufgewachsene, vereinigt in sich, in seinem Schreiben, vielleicht aber auch in seiner Mentalität, West und Ost. Durchaus in jenem Sinn, wie er die Himmelsrichtungen politisch-kulturell definiert: herrührend nämlich schon aus der Spätantike mit der Aufspaltung des Römischen Reichs in einen west- und einen oströmischen Teil (…). Dieses Amalgam macht seine Gedichte, seine Prosa, die Reisebschreibungen von der Elbe oder von Polen, aber auch seine Essays in unserem Literaturbetrieb so unnachahmlich und kostbar. (…) Gedankenreichtum, Schärfe der Analyse, eine Sprache, die trifft – und ein Schweigen umfaßt, das die Texte durchdringt, sie gewissermaßen sättigt. Selbst da bleibt Kurt Drawert seinem Thema treu. Und dennoch: Seine Texte sind anspruchsvoll, jedoch nie schwierig (…) Vielleicht das größte Kompliment für einen Dichter der Gegenwart.«

Hans-Georg Soldat, NDR, 23.5.2001

»Heute ist es eine Abenteuerreise, übers Reisebüro zu buchen: mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau quer durch Sibirien, in eine Gegend, die von hier aus dem Ende der Welt sehr ähnelt. (…) Der aus Hennigsdorf stammende, in Darmstadt lebende Dichter Kurt Drawert hat diese Reise gemacht, durch Rußland, wie es darniederliegt, mit einem Verkehrsmittel aus einer anderen Zeit. (…) Mit präziser Beobachtung der Welt und seiner selbst gelingt ihm, diese Suche zu beschreiben und die Fragwürdigkeiten all dessen, was er dort findet (…). Die Welt vor dem Fenster erkennt er als Oberfläche, als Außenseite von etwas Unergründbarem, so daß er nie dem malerischen Elend den Schmelz des Romantischen einhaucht. Seine Genauigkeit der Beschreibung, der schroffen historischen Begründung, des immer neuen Fragens gibt dem Text nicht die Güte eines gelungenen Reiseberichts, sondern eines geschliffenen Essays über das Reisen, ja, einer Dichtung mit Wurzeln in Ort und Zeit und dem Wipfel hoch über dem Spaß an bunten Bildern.«

Gundula Sell, Sächsische Zeitung, 11.9.2001