Nach Osten ans Ende der Welt

Funkessay
Bayerischer Rundfunk 2000

  • Textauszug

(…) Aber jetzt fahren wir, und während sich alles auf dem Gang abspielt, als wäre von dort eine besondere Erscheinung in der Natur zu verfolgen, schließe ich mich ein und erlebe das Glück, vor aller Welt im Verborgenen zu sein. Die Wände sind der warme Stoff eines Mantels, den mir eine Mutter, die ich nicht kenne, über die Schultern gelegt hat. Es ist, als hätte ich immer, bis zu dieser Minute, gefroren, und als wäre ich immer, bis zu dieser Minute, in einer Fremde gewesen, von der ich nicht einmal wußte, bei welchem Namen sie genannt werden kann. So also komme ich für diesen einen kurzen, ewigen Moment nach Hause, und es ist doch nur eine Heimat der Abgewandtheit, ein innerer, in den Tiefen eines je uneinlösbaren Verlangens abgesenkter Ort, der existiert, nicht aber betreten werden kann, denn er ist ohne Materie, ohne Sprache und ohne ein Bild. Und er erscheint, weil ich Kilometer für Kilometer die Geschichte meines Körpers verlasse, oder es mir einbilde, sie zu verlassen, da das schon der Sinn dieses Glücks ist. Noch niemals zuvor konnte ich in einer Ferne die Nähe zu meiner Herkunft verlieren, und ich habe es versucht, Umzug für Umzug und Reise für Reise, um selbst noch in einer australischen Strandbucht dem Eindruck zu erliegen, nicht tatsächlich weg und den Blicken entkommen zu sein, die auf mich gerichtet meine Umkehr erwarten. Doch vielleicht entgeht man dem Taifun gerade dann nicht, wenn man ihn flieht, anstatt sein Zentrum zu suchen, dort, wo er ohnmächtig ist, im blinden Fleck seines Auges. Warum wußte ich nicht, daß es diese und keine andere Richtung sein muß, zurück und nicht vorwärts, aber als eine Durchquerung, warum wußte ich es nicht. Die Landschaft hinter dem Fenster ist ein träge ziehender Schatten geworden, der keine Umrisse zuläßt, die reine Gestalt einer Nacht. Hier und dort kleine Lichter, die vielleicht Täuschungen sind oder Hütten, wie sie vereinzelt und weltverloren in der Nähe der Gleise auf ihren Zusammenfall warten und deren Bewohnbarkeit mir nicht vorstellbar ist. Ihnen, die vor ihre Türen treten, sobald die Schienen zu klingen beginnen, wird der Zug eine Vorstellung sein, und lange werden sie ihm nachsehen wollen, wie er hingeht und hinter einem Hügel zwischen Himmel und Erde verschwindet, als wäre er der eigene vergangene Tag. (…)