Deckblatt Idylle, rückwärts

»Idylle, rückwärts. – Gedichte aus drei Jahrzehnten«

Verlag C. H. Beck, München 2011
264 Seiten, 19,95 Euro
ISBN 978-3-406-61263-3

Auszeichnung zum Buch des Monats der »Darmstädter Jury« für Juni 2011.

Vom Ende der Poesie ( I )

Jedes Gedicht, sagte Herr Müller
von der HypoVereinsbank, 
ist ein Schuldschein,
und Sie schreiben zuviel. 
Ich also hängte diesen Teil
meines Lebens 
wie an einen Haken für Schweine.

Im Riesenrad

Wenn die Achse in der Bewegung des Rades
die Gondel des aufsteigenden 
und die Gondel des absteigenden Teils 
in gerader Linie verbindet, 
gibt es die neutrale Sekunde, 
in der die einen und die anderen 
in Augenhöhe sind. 
Dann tritt das Unvermeidliche ein –
Hochmut ist wieder Hochmut, und Fall wieder Fall.

Fünf Zeilen

Ich möchte es noch einmal sein,
verliebt in den Schein der Liebe. 
Wie die Barke, wenn sie ins Weltmeer sticht,
unwissend stolz. Und Herz ist Herz,
und Stein bleibt Stein, ehe das Segel bricht. 

Matrix America

New York against the World
Graffiti, Subway St. at Washington Square

I
(Good luck am Natursee. Rückblende.)

Nein, ich schreibe nicht über New York
in New York, aber so ein Leben 
als Schaufensterpuppe in der 5th Avenue, 
die mit den Augen klimpert wie Dolly, 

eine Freundin für jeden, ist auch nicht 
sehr anders, als in Halle an der Saale 
Grütze zu kochen für brutto drei-
fünfundzwanzig, zum Beispiel. Überall 

sind alle zuviel, nur weiß das noch keiner, 
und so ziehen sie los, die einen auf ihre 
Werbefläche von John-Galliano-Store
früh um halb fünf, und die anderen,

Empfänger von Hartz oder Holz oder 
gar nichts, was den klassischen Mehrwert 
vorantreibt, mit Kohle und Grillbesteck 
an den Natursee, um sich fit zu halten

für einen nächsten sportlichen Abgang. 
Bleibt immerhin, die Reste der Biografie 
von gestern heute auf den Rost zu schmeißen 
und zu warten, bis sie eßbar werden. 

Ich dachte ja auch, mir brechen die Knochen, 
und es war nur der Wind, der hart
in morsche Zweige fuhr. Sonst nichts Neues. 
Sonst nur ein dumpfes In-der-Matte-Lungern 

und auf seine Einberufung bei Edeka1  warten. 
Gelegentlich geht einer zum Zahnarzt, 
weil das Gold in seinem Kiefer verrutscht ist,
oder eine Gonorrhoe ist in Umlauf, die man sich

mitgebracht hat aus den Ferien in …, im …  
und jetzt an seine Freunde verschenkt.
Wir sagen es klar und mit Schwesterwelle2 : 
Verhältnisse wie im alten Rom, so dekadent 

im urogenitalen Bereich. Wer kann, 
der kann, ein Börsenfick in der Wall Street 
hat schlimmere Folgen. Noch einmal 
zwei Lehmanbrüder, und wir machen 

aus Pflugscharen Schwerter – (Karl Marx, 
»Die Bergpredigt«, fast in den Knast gekommen, 
damals, deswegen), und dann ist Ende 
Gelände, und nicht nur hier, am Sozialstrand, 

so online wie möglich. – Das alles eben 
über Handy geordert, wie sich Google Maps 
gerade heranschleicht und in die schwarzen 
Konten der Hartzer leuchtet. Gefährlich, 

gefährlich, gelinde gesagt. Arm und Reich 
so eng beieinander wie heiße Kröten 
zur Paarung, das geht, Genossen, nicht gut.
Deshalb: jedem sein Black Berry!, 

damit er im Notfall Rente auch über Land 
beziehen kann und in die luftige, lausige 
Natur, von der nur ein Briefmarkensammler 
die Vorstellung hat, daß sie Spaß macht, 

so kurz vor Sibirien, wenn die Sonne 
schon blaß geworden ist wie das verwaschene 
Sparkassenlogo auf einem T-Shirt, 
das in feuchten Ästen zum Auslüften 

abhängt, und auch die Hunde nicht mehr 
recht wollen, und der Lurch, und der Laich, 
und einfach alles nur noch lustlos in Falten liegt 
wie eine Fahne in der Abstellkammer. 

Von hier in die große, weite Welt (Zitat
meiner Oma) war es nur ein Mausklick 
entfernt, und schon saß ich in einer brand-
neuen Ökomaschine, die mit Ziegenmilch flog,

bis eine Stimme mich weckte: – »Entfernung 
ist nur eine Einbildung.« – »Eine Einbildung 
ist aber alles, was wir noch haben.« Erste 
Bewegung: Signalstärke testen; (und dann erst

der Schock, wieviel schon wieder herumliegt
auf dem virtuellen Schreibtisch.) Vielleicht
doch nicht so schlecht, sich selbst abzuschaffen
als zappelndes Subjekt in den Hedgefonds

der andern, und dann als Modepuppe irgendwo
wieder aufzusteigen. »How long are you 
staying here?«, aber keine Antwort 
in verständlicher Sprache. Also doch nur 

Plastik vom Hausherrn, oder kurz 
vor der Beförderung zum Gruppensprecher
und deshalb nicht mehr so risikofreudig. 
Nächste Strophe, gleicher Gedanke: 

In Coney Island gibt es eine Arena 
zum Ausverkauf der Würde, hier unsere süßen 
Kleinen mit ihren scharfen Farbschußpistolen, 
und dort, zwischen Steinen und Müll, 

die um ihr Scheinleben wimmernden 
Abschußfiguren, shoot the freaks – 
wer immer sich, um für ein Freibier zu sterben,
in Schußlinie stellt. Bei uns, darf ich das sagen

und stolz sein?, ist jeder sein eigener Freak, 
hier wird mit Gesetzen geschossen, mit Liebe 
zum Land und Treue zu Hoffmann von Fallersleben. 

Das wollen wir doch bitte 
einmal auch nicht vergessen, 
so als Fremde im Inland.


II				
(Die Mode. Der Schlachthof.) 

Der High Line Park im Meatpacking District
und sein herrlicher Ausblick auf das Blut 
geschlachteter Tiere, das Bilder an die Wände 
zeichnet und als action painting 

versteigert in der dritten Runde wird. 
Ein verrosteter Haken, an dem gestern noch 
die Rinder hingen, heute ein Design 
für die gerechten Vielverdiener mit Liebe zum, 

wie sag ich’s, ohne abzustürzen, un-
verfälschten Leben. Dann noch ein Foto 
fürs Hochglanzgeschäft mit dem Elend, 
und die Gegend ist ausgekocht 

wie ein Hundekopf in Chinatown. 
Armut ist sexy, solange man Geld hat. 
Der Charme des Verfalls, die Königin
in Weiß, ihr Zwerg daneben, die Künstler 

im Hintergrund. Umzüge, Neugründungen,
gestern West Village und heute SoHo,
gestern noch Post- und heute schon Parkbank, 
und so gehen sie hin, datenfluß-

abwärts. Gib Zeichen, wir weichen!
Ich bin Schriftsteller geworden
mit der Steuernummer 007-813-00865
und leider keine Walther P 22.  

Alles dauert dann länger, sofern wir
das überhaupt noch erleben, daß ein Satz
die Welt bewegt um eine halbe
Empfehlung. Meine Turnschuhe 

habe ich ausgezogen, keine Lust mehr
auf einen Rekord. Die Schweine
sind immer schon am Ziel, 
deshalb lohnen sich die meisten Wege

so wenig. Aber vielleicht bin auch ich
schon geklont und zu einer Marke 
geworden für faules Gemüse, 
einer neuen Knäckebrotsorte, einer

Fernsehserie für digitale Analphabeten. 
Ich sitze bei einem Chinesen am Broadway 
und sehe mir auf einer blankgeputzten 
Kachelwand zu, wie ich lebe.

Von einem Monitor flimmert Reklame, 
die Flügeltür schlägt auf, und ein Straßen-
junge verteilt Reklame, auf seinem T-Shirt: 
Reklame, ich zeige ihm ein paar Faltblätter,

die in meiner Jacke stecken, Reklame,
die er betrachtet wie ein Mißverständnis,
das ich ihm augenblicklich schenke. 
Meine Sorge gilt meinem Körper,

dort, wo er das Gegenteil denkt und 
»nein, danke!« sagt. Der Rest 
wird zur Tageszeitung, Reklame,
»Your Body is advertising brochure only«, 

mein Name ist Bartleby, und ich fordere
mich auf, jetzt zu gehen. Mein Blick 
ist meine Schuld, und darum bin ich, 
seit exakt zwanzig Jahren, in Therapie. 

Schlafen, schlafen und nochmals schlafen.3 
Trinken, trinken und nochmals trinken.4 
Über fünfzig gibt es eigentlich nur noch
den Notstand, aber das ist schon 

Privatgeschäft, das an manchen Tagen 
immerhin gut funktioniert. Wenn ich 
etwas sehe, ist es privat, denke, fühle, 
privat, ich werde, ab morgen, weitersprechen,

ich werde, ab morgen, weiterglauben, 
daß ich, wenn ich, ab morgen, weiterspreche, 
die Welt, ab morgen, weiterhin verändern werde, 
weil ich, ab morgen, weiterhin glauben werde, 

daß die Welt, ab morgen, weiterhin verändert, 
was in der Welt, ab morgen, weiterhin ist. 


IV
(Zwischentext. Liedhaft.)

Wer nicht läuft, fällt ins Getriebe, 
und wer ins Getriebe fällt, ist tot.
Und während ich das schnell notiere,
fährt ein Fahrzeug in der Not, 

mich zu verschonen, an die Wand.
Soviel zur Veränderung der Welt
durch Poesie. Hier noch mit Geld
zu regeln und praktischem Verstand. 

Doch ebenso ist einzusehen: 
wenn jeder aus dem Kreislauf fällt,
weil irgendwo ein Köter bellt,

und andernfalls sich nur bewegt,
was die Bewegung selbst erregt,
ist gut, wir bleiben einfach stehen. 

1 Name geändert
2 Name nicht geändert
3 Frei nach Wladimir Iljitsch Lenin
4 Frei nach Arno Schmidt