Deckblatt Idylle, rückwärts

»Idylle, rückwärts. – Gedichte aus drei Jahrzehnten«

Verlag C. H. Beck, München 2011
264 Seiten, 19,95 Euro
ISBN 978-3-406-61263-3

»›Gedichte aus drei Jahrzehnten‹ verspricht der schöne Band und nennt beim ersten Gedicht in der Überschrift demonstrativ das genaue Datum von dessen Entstehung: ›Gedicht, als Brief angekommen, 15.7.1981‹. Es lautet: ›Der Antrag auf eine Reise / in das nichtsozialistische Ausland/ ging bei uns ein & wurde/ gründlich beraten. Leider/ ist es nicht möglich, Deinen Antrag/ zu realisieren, da alle Reisen/ vergeben sind. – Freundschaft.‹ Es gehört zu denen, die man nicht vergisst, wenn man ihnen einmal begegnet ist. Die Technik ist simpel: eine amtliche Mitteilung in Versform abteilen. In diesem Falle ist der Effekt entwaffnend. In einem Gespräch mit Andreas Herzog 1994 sagte der Autor: ›Was nützt einem ein Talent, wenn man keinen Stoff hat!‹ Kurt Drawert ist der Schriftsteller, Dichter, Essayist, der fast obsessiv den ›Stoff‹ herausfordert. Wählen konnte er ihn kaum, denn die politische Realität der DDR und die ›Katastrophen des Ostens‹ gehörten auch im Westen sozusagen zur Großwetterlage jener drei Jahrzehnte, die in seinem neuen Gedichtband poetisch dokumentiert werden. Dem ›Stoff‹ rückte er freilich auch als Essayist zu Leibe mit Texten, die umso wertvoller werden, je mehr wir uns vom Zeitalter ihrer Anlässe entfernen. Das Bedürfnis, sich über sein Schaffen theoretisch Rechenschaft abzulegen, dokumentiert sich auch in diesem Band, dessen drittes Kapitel den Essay ›Vom Lust zu verschwinden im Körper der Texte‹ von 2001 enthält. Was der Theoretiker Drawert für das Gedicht fordert, einen ›Mehrwert‹ und ein ›Textsubjekt‹, das haben auch seine Prosatexte – wie ›Laufen. Traumtext‹ – in ihrer stark stilisierten poetischen Sprache selbst da noch, wo sie anekdotisch, realistisch oder autobiographisch erzählen. Die Gedichte bilden drei Kapitel, nach Jahrzehnten geordnet: ›In den Fabriken (die 80er Jahre)‹, ›Der letzte Hund der Geschichte (die 90er Jahre)‹, ›Das Jahr 2000 findet statt/ (offline)‹. Öfter gibt die Natur den abstoßenden Hintergrund, öfter wischt das unlyrische Ich wieder ab, was es vor uns auf die Tafel gemalt hat. Aber immer bringt der Dichter sich selber mit, in die Natur, in die Geschichte, an fremde Orte. Als letztes Kapitel folgen zwei Dutzend neue Gedichte und ein kleiner Zyklus von zehn Gedichten, unter der Überschrift ›Jeder Tag kostet Geld/ (Matrix Amerika)‹«. (…)
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Aus: Hans-Herbert Räkel: »Was war das für ein Land, dem wir entkamen? Kurt Drawerts Gedichte aus drei Jahrzehnten (…)«, Süddeutsche Zeitung, 7./8. Januar 2012

»Die postmodernen Theorien über die unhintergehbare Verzahnung von Sprache und Macht scheinen für jene deutsche Autorinnen und Autoren noch immer eine ungebrochene Anziehungskraft zu besitzen, die die Sprachregelungen der ehemaligen DDR an ihrem eigenen Leib erfahren mussten. So beschäftigt sich auch der 1956 in Brandenburg geborene Kurt Drawert, der den Fall der Mauer wie kaum ein Dichter lakonisch im Wechsel von einer ›verwundenden‹ zu einer ›verwaltenden‹ Ordnung verzeichnet hat, mit den körperlichen Auswirkungen des öffentlichen Diskurses – und mit der Frage, ob jenseits davon allenfalls in der Dichtung Raum für ein anderes Sprechen (oder für das Sprechen eines Anderen) existiert. Drawert stellt der funktionsorientierten, das sprechende Subjekt auch immer unbewusst disziplinierenden und so dem Verstummen entgegen treibenden Alltagssprache eine intuitive Form der Kommunikation zur Seite, die sich an die Ränder des Schweigens heran tastet. Ein Gedicht beginne nicht dort, ›wo tiefer Nebel über Kuhwiesen wabert‹, hält der Dichter dabei in seinem poetologischen Essay ›Die Lust zu verschwinden im Körper der Texte‹ mit der ihm eigenen, nur von einem haarfeinen Hauch von Ironie durchzogenen Akkuratesse fest. Das Wesen von Gedichten sei es vielmehr, so der Autor, einen Überschuss an Sinn zu erzeugen, was jedoch nur dann gelänge, wenn die Texte einen Defekt aufweisen – wenn sie ›das Organisationsniveau jener Gegenstände‹ über- oder unterschreiten, die sie durch die Sprache in sich aufnehmen wollen. Ein Gedicht wolle schließlich zeigen, ›dass das Bekannte etwas Anderes ist‹. In dem bei C. H. Beck erschienenen Band ›Idylle, rückwärts‹, in dem Drawert nun eine Auswahl von Gedichten aus drei Jahrzehnten – seine Best-Of-Sammlung – vorlegt, die um den neuen Zyklus ›Matrix America‹ ergänzt wurde, kristallisiert sich dieser andere Blick auf das Vertraute aus immer neuen Perspektiven zu nüchternen und doch intensiven Einsichten in die Existenz in zwei verschiedene Formen des falschen Lebens.«

Aus: Neue Zürcher Zeitung, 1. September 2011

»Das Aufbegehren, der Widerstand, der Kampf heißen die Motive, die Drawert zum Schreiben zwingen. Er lehnt sich auf gegen Autoritäten und bringt dagegen seine Sprache in Stellung. Sie legt es darauf an zu verletzen und sie stellt die eigenen Verletzungen aus. Das Individuum rebelliert mit Worten, die nur ihm gehören und für die der Moloch Gesellschaft keine Verwendung findet. Nichts Reglementiertes findet sich in seinen Gedichten, das macht sie so unbedingt notwendig. (…) Heute gehört Drawert zu den anerkannten Größen des zeitgenössischen Lyrikbetriebes, der sich überdies die Neugier bewahrt hat für alles, was an junger Lyrik nachwächst.«

Aus: Anton Thuswaldner, oe1.ORF.at, 14. August 2011

»Wenn dieser Dichter an Deutschland denkt, dessen Geschichte der Spaltung sich buchstäblich in seinen Körper eingeschrieben hat, dann ist er nach dreißig Jahren des Schreibens noch immer um den Schlaf gebracht. (…) Was bleibt, nach einem halben Leben in einem Land, das die existenzielle Heimatlosigkeit nie aufheben konnte, ist ein ätzender Sarkasmus. Es klingt wie ein bitterer Schlussakkord, wenn Drawert in einem New York-Zyklus aus dem Jahr 2010 noch einmal seine Biografie resümiert. ›Mein Land‹, heißt es da, ›mein Land war eine Rittmeisterpeitsche, / ein vergifteter Brunnen, Abfall vom Hund. / Ich werde es nicht mehr erwähnen, / ostdeutsch verwundet und westdeutsch / verwaltet, ich habe zu sprechen begonnen / und war sofort allein.‹ Und dieser Vers lässt sich fast als Daseinsformel des Autors Kurt Drawert lesen: ›Ich habe zu sprechen begonnen und war sofort allein.‹ (…) In ihrem innersten Kern handeln fast alle Gedichte Kurt Drawerts von diesen Erfahrungen der elementaren inneren Spaltung und Trennung, vom Verlust des Sprachvertrauens und dem Ausgesetztsein eines Sprechenden, der seine Identität durch die gewaltsam verfügte Sprachordnung bedroht sieht. (…) Die Orientierung des jungen Kurt Drawert an westdeutschen Autoren hat denn auch die frühen DDR-Leser irritiert. (…) Denn mit Drawerts kühlen Lakonismen, seinen akribischen Erkundungen eines Lebens, das sich aufzulösen beginnt, hatte man in der DDR der achtziger Jahre Schwierigkeiten. Hier sprach ein Autor ganz beharrlich vom ›Privateigentum an Empfindung‹ – und das war nicht mehr unterzubringen in einer Poetik, die auf eine unerschütterbare Ordnung der Kollektivität aus war. (…) Im Gedicht ›Tagebuch‹ blitzt noch ein weiteres Zentralmotiv des Dichters Kurt Drawert auf, das er nicht nur in lakonischen Gesten, sondern in ganz liedhaften Formen variationsreich durchgespielt hat. Es ist seine Passion für das Liebesgedicht, die große Kunstfertigkeit, die Dinge des Herzens zu sagen, ohne sich süßlicher Klischees zu bedienen. (…) Wer nun also die lyrischen Sageweisen aus drei Jahrzehnten genau studiert, die Kurt Drawert im Band ›Idylle, rückwärts‹ zusammengetragen hat, der bekommt auch einen starken Eindruck von der stilistischen Vielseitigkeit, die diesen Autor auszeichnet. (…) Und ganz am Ende des Bandes steht dann das jüngste Werk Kurt Drawerts, ein weit ausgreifender rhapsodischer Gesang über Amerika, gewürzt freilich mit viel Bitterkeit und Sarkasmus. Das Gedicht ›Matrix Amerika‹ liest sich wie das Manifest einer Endzeit, in der die falschen Versprechungen des Kapitalismus ebenso in sich zusammenbrechen wie die Illusionen des Künstlers. ›Matrix Amerika‹ – das ist ein Resümee eines vollkommen desillusionierten Dichters, der weder in der Alten, noch in der Neuen Welt eine Heimat gefunden hat.«
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Deutschlandfunk: »Der Büchermarkt«, Buch der Woche, 3. Juli 2011, von Michael Braun

»Seit seinem ersten Gedichtband 1987 gehört Kurt Drawert zu den wichtigsten deutschen Lyrikern. Neben Lutz Seiler ist er wohl der einzige, bei dem essayistisches Erzählen und Lyrik wie selbstverständlich ineinander übergehen können. (…) Drawert trennt nicht zwischen privat und politisch; zu tief haben sich DDR-Dreck eingefressen und westdeutsche Reglementierung breitgemacht: ‚Ich werde es nicht mehr erwähnen,/ ostdeutsch verwundet und westdeutsch verwaltet.’ Der neue Band enthält einige der schönsten Liebesgedichte. In den sprachlich genauen Texten wird nichts vorgemacht; die meisterlich gehandhabten poetischen Formen dienen der Wahrheit und Dichtung.«

Aus: Drawerts Gedichte, Mannheimer Morgen, 8. Juni 2011

(…) »Endlich sind wieder neue Gedichte von ihm zu lesen, und der in New York entstandene Zyklus »Matrix America« zeigt beispielhaft Drawerts außerordentlichen Rang als Lyriker. Wenn er Romane oder Theaterstücke schreibt, ja, auch Essays, ist die Präzission seiner Sprache am Gedicht geschult, und seine sehr konzentrierten Prosatexte widersetzen sich der flüchtigen Aufnahme, indem sie die Aufmerksamkeit vom Leser gleichsam einfordern. Im Gedicht aber ist Drawert ganz bei sich, es ist der Kern und die Keimzelle seines Schreibens, und ohne dass es angestrengt einem sprachlichen Originalitätsdruck folgen müsste, entwickelt es einen unverwechselbar eigenen Ton. Wie früh er schon ausgeprägt war, zeigt diese schöne Auswahl, die drei Jahrzehnte zurückreicht. (…) Man sieht gleichsam dabei zu, wie sich aus den Einzelteilen der Gedichte ein Lebenswerk formt, das mehr ist als die Summe seiner Teile.« (…)

Aus: »Weit entfernt und ganz bei sich« von Johannes Breckner, Darmstädter Echo, 7. Juni 2011

(…) »Kurt Drawert, 1956 in Hennigsdorf (Brandenburg) geboren, überwinterte in der DDR und lebt heute in Darmstadt. Man sagt das so: Er überwinterte. Diesem wirklich wirklich guten Gedicht merkt man es nicht an. Dass er ein wirklicher Dichter ist, merkt man seinen Romanen und Gedichten an, die einige Male aus bestem Grund ausgezeichnet wurden.«
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Aus: »Tagebuch. - Frankfurter Anthologie« von Ulrich Greiner, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Mai 2011

»Nur wer im Gedicht seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Ton gefunden hat, ist als Lyriker des Erinnerns wert. (…) Der diese (Un-) möglichkeit so bestechend meistert, das ist Kurt Drawert. (…) Der tief tönende Grundakkord dieser wundersamen Vers-Welt nämlich ist Vergeblichkeit. Über 260 Seiten nimmt ein bedeutender Künstler Abschied – von sich selber: »...dann werde ich abscheiden,/ Im Schnee stehen und mir nachwinken, bis der Arm erfriert,/ Blau das Gesicht von des Scheiterns schneidendem Wind.« Schon in diesen wenigen Zeilen erweist sich Kurt Drawerts Perfektion (…) Kurt Drawert aber appelliert nicht, er konstatiert. (…) Gewiss, das kennen wir aus seiner so präzisen wie gnadenlosen Prosa (…) Doch hier, in den Gedichten, benutzt er eine verkehrt herum gehaltene Wünschelrute; sie schlägt aus – dort, wo Leben eigentlich blühen sollte, aber zu Schotter geworden ist (…) Nie und nirgendwo in seinen Gedichten schmückt dieser Lyriker sich mit einer Gebärde. (…) Kurt Drawert ist Versuchung, seine Lyrik der Schrei eines Verlorenen: wüst, die Leere ausbuchstabierend, doch nie füllend. (…) Ratlos macht sie uns jedoch nicht; denn siehe: das Grässliche wird zur Schönheit – durch das Wunder seiner Sprache. Sie ist so klar wie Glas und auch so hart.«
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Aus: »Die Dinge verschwinden. – Die Gedichte Kurt Drawerts erscheinen in einer ersten Gesamtausgabe« von Fritz J. Raddatz, Die Welt, 12.03.2011