Deckblatt Privateigentum

Privateigentum

Gedichte
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1989
es 1584, 138 Seiten, DM 10,–
ISBN 3-518-11584-7

Im Klartext

Bei gleichen Lichtverhältnissen,
gleicher schwieriger Luft, gleicher
flacher Atmung, bei einer Kleidung,
die keinen Windzug mehr aushält

und schon mürbe im Schaufenster hing
solcher Tage, die namenlos
und verwunschen vom Frühjahr 
sinnleer und staubig vergingen,

bei gleicher Verfügung der Sprache
über die Wörter wie der eines Vaters
über sein Kind, das mit schmutzigen Händen
nach Haus kommt, 

bei aller Wiederholung und wiederholten
Wiederholung der Ignoranz,
die man zu ignorieren geübt ist,
bei allen Geschichten eines planmäßig sterbenden

Sommers in verhunzter, verdorbener Landschaft
von Häusern, dessen Wände die Zeichen
der Liebenden leugnen,
und bei aller Geschichte,

die sich schnell überrundet
und abholzt und wegschmeißt,
ist einiges tatsächlich anders geworden.
Mich beispielsweise, lieber Czechowski, 

interessiert tatsächlich nur noch
das Privateigentum an Empfindung,
der Zustand des Herzens, wenn die schwarze Stunde
am Horizont steht, die Würde der Scham

und das Ende des Hochmuts. Wer will,
mag die fehlenden Tassen im Schrank
meiner Herkunft beklagen, ich
habe den Fahrplan gelesen, die Koffer gepackt

für die Reise ins eigene 
innere Land. Und vielleicht 
ist auch das schon
nur noch im Traum von Bedeutung.

Andere Arbeiter, ein anderer Herbst

Unverständlich und klar
liegen in ihrer Geschichte
die Dinge begraben.
Alles hat seinen Anfang
und seinen Krebs –
eine Empfindung von gestern 
zur Stunde. Die Frau 
und ihre gealterte Katze,
in deren Körper die Zeit 
sich bewegt, zählen die Schnitte
auf der Platte des Tisches
den Tagebuchseiten
hinzu. Im Hintergrund
das bekannte Geräusch 
der Fabrik. Andere Arbeiter,
sagt man, ein anderer Herbst,
wie es im Buch steht
und vorauszusehen war. 
UND ÜBERHAUPT, du verstehst
das nicht mehr, diesen Luftsprung
von gestern und sein lautloses Ende.
Die höfliche Abwinkbewegung der Hand
hat eine lange Geschichte –
voller Realitätsprinzip, Schüssen
aus offenen Fenstern und ganz einfach
abgeknallt werden.
Jeder trägt sein Halstuch,
solange er kann,
vor pünktlich fallendem Laub,
erwartet und abgehakt.
Die Biografie schreibt sich leicht
auch nebenbei und ohnehin
von den andern. Im Film geht sie gut
noch etwas weiter, baut sich
vom Abgang her auf
und macht dir gehörig viel Spaß.