Deckblatt Wo es war

Wo es war

Gedichte
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996
128 Seiten, gebunden, DM 28,–
ISBN 3-518-40748-1

Heimatgedicht, C-Dur

Jeden Tag eine Nachricht
von Kriegen, ist auch eine Art
geregeltes Leben. Uns trifft das nicht.
Wir haben Glück und kommen irgendwie
davon. Hin und wieder ein Stoß
in die Seite, ein Fleck aufs Jackett –
und das war es dann schon.
Uns hat hoch oben jemand das Schicksal
auf Daunen gelegt, und ehrlich gesagt:
wir sind gesandt und herabgekommen
in besonderem Auftrag. Wir sind gottgewollt
gut und werden belohnt.
Das muß an den Genen liegen,
naturgemäß herkunftsbedingt sein,
von der Liebe nach Dienstschluß
auf frischen Rapsfeldern kommen.
Zwischen Oder und Rhein stirbt unerlaubt
niemand, von Kopf bis Fuß ist hier jeder
im Grunde gesund. Es wird also Zeit,
den hochroten Kopf
im Geschichtsbuch zu lassen
und den blonden Himmel über Berlin
einmal gebührend zu loben,
die tüchtige Werksfrau,
die die Kameraden des Fortschritts
ordentlich an sich arbeiten läßt,
die Siemens AG und die ertragreichen Kühe
in Schleswig-Holstein. Ehrlich gesagt:
wir können doch stolz sein auf dieses
mein Vaterland mit so schönen Enten.
Und auf all deine Siege, Boris.


Wo es war

Ich wußte nicht mehr, wie wir uns trafen,
damals, in den Städten, in denen heute
die Hymnen verwaist

ihr Vaterland suchen. In den Ruinen
des letzten Krieges war eine friedliche,
vaterlose Stille zu finden.

Hier kam ich als Kind her, verstört,
hier ging es uns gut, hier war die Sprache
außerhalb des Körpers geblieben.

Später, an einer empfindlichen Stelle
der Biographie, brach, wie dem einen
die Stimme, dem andern

das Rückgrat, erinnere dich,
mir war das Glück des Verstummens
gegeben, wo es war.

Wo es war, hat das Gras schon zu wuchern
begonnen. Die kleine Senke im Boden,
in der ich von Liebe geträumt haben muß,
ist mit Schotter gefüllt, Lachen von Flußtang
und Öl, zerdrückte Aluminiumdosen,

ein Brandfleck. Auch diese Erde
hat ihre Geschichte verleugnet. Schon lange
war es dunkel geworden, als ich noch immer
bewegungslos dastand. Was ich hörte,
war fremd. Was ich dachte. Und es war Tag.


Das letzte Bild

Jetzt singen sie auf den Märkten 
des Westens. Ich sah sie noch auf hohen Tribünen,
wir waren gerade verkleidet und spielten Pioniere im Land,
Adoptivenkel stolzer, russischer Folkloresoldaten.

Wie faules Obst von den Zweigen
stürzten später die Engel. Wer erwachsen genug war,
schaufelte die Gräber. Ihre Lieder änderten sich nicht.
Eine rote Nase aus Pappe aber vollendet das Bild

und erklärt, was die Texte verschweigen. Danke. 


… zum deutschen Liedgut

Ich bin ganz von selber gegangen,
und fühlte mich doch wie vertrieben.
Ich bin sehr entschieden gegangen,
und wäre doch gern auch geblieben.

Ich wußte, ich müsse jetzt gehen,
kein Weg war ein Heimweg mir mehr.
Und doch blieb ich noch einmal stehen,
und Schnee lag schon hoch um mich her.

Was hatte ich hier noch zu suchen,
was hielt mich am lichtlosen Ort.
Die Liebe ging fort unter Buchen,
ich wollte ihr gültiges Wort.

Ich habe es nicht mehr gefunden
und habe auch nichts in der Hand.
Im Nebel ist alles verschwunden.
Wir hatten kein brauchbares Land.