Deckblatt Wo es war

Wo es war

Gedichte
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996
128 Seiten, gebunden, DM 28,–
ISBN 3-518-40748-1

»Er beherrscht die unterschiedlichsten lyrischen Sprechweisen, vom streng geformten bis zum freien, prosanahen Gedicht. Ohne jede Weinerlichkeit, intellektuell hellwach, indes nie hochmütig, in haarscharf geschnittenen Bildern der Erinnerung und Reflexionen über die unmittelbare Gegenwart, zuweilen begleitet von herben, melancholischen Untertönen, entsteht von Text zu Text ein zerrissener ›Wirtschaftswunderkörper‹ namens Deutschland. Politische Gedichte von seltener Sensibilität.«

Hajo Steinert im FOCUS am 20.5.1996

»Ein Nachzügler der verjagten Schriftsteller ist Kurt Drawert. 1956 in Hennigsdorf (Brandenburg) geboren, verbringt er seine Kindheit im eingemauerten Ost-Berlin, übersiedelt 1967 nach Dresden, geht diversen Tätigkeiten nach, bis zu den literarischen Anfängen, die ihm zwischen 1982 und 1985 das Studium am ›Institut für Literatur‹ in Leipzig ermöglichen. Dürre, unpersönliche Daten, aus denen Drawerts Entwicklung nicht hervorgeht – eine des sich Freischreibens von Ideologie, von Kompromiß und Rücksichtnahme. Trotz der Wiedervereinigung und der Hoffnung, daß sich nun alles, alles wandeln müsse, bleibt das Empfinden der Fremdheit unüberwindlich. Das Trauma der DDR sitzt tief. (…) ›Im Nebel ist alles verschwunden …‹ Da gibt es keine Wehmut, keine Träne; die eigene Vergangenheit wie ihre realen Stätten sind ausgelöscht. Keine Wut, keine Larmoyanz kennzeichnen das Resümee. Die nüchterne Wertung aus einem immerhin fast vierzigjährigen Leben in der DDR heißt: ›Wir hatten kein brauchbares Land.‹ Ein schlichteres und schlimmeres Urteil kann kaum gefällt werden.«

Aus: »Frankfurter Anthologie. Kein brauchbares Land« von Günter Kunert, Frankfurter Allgemeine Zeitung am 8./9.6.1996

»Kurt Drawert ist zum eminent zeitkritischen Autor geworden, souverän verfügend über reichhaltige poetische Instrumentierungen. Selten dürfte man derart sensible liedhafte Anverwandlungen etwa an Heinesche Traditionen lesen, die dennoch ganz auf das Zeit- und Seelenleben unserer Gegenwart gestimmt sind. Harte, pochend rhythmisierte Versläufe als Mittel der reflexiven Desillusionierung, bei Drawert wird jener ›verwaltete Fortschritt‹ einer stilistisch federnden und klug aufgereizten Wörterwelt ausgesetzt, die der Autor bescheiden seine ›sublime Veranlagung zur Übertreibung‹ nennt. Weil es um die sinnverlorenen ›Horizonte des Wissens‹ geht in dieser virtuosen Lyrik, ist das allernächste Beobachtungsobjekt gerade entfernt genug; die hinfällige Körperlichkeit des Dichter-Ichs und seine so beengte wie unermeßliche Lebensrealität. Ihnen gilt dieser ›poetische Aufschwung‹, der bloße ›Gebärdensprache‹ nicht sein darf, sondern für eine Weile alles ›verwahrloste Schrifttum‹ vergessen machen möchte. Was ist von bedeutender Literatur Schöneres zu erwarten? Dieser Kurt Drawert: est poeta!«

Aus: »Die finsteren Senken der Augenblicke. Kurt Drawerts neuer Lyrikband Wo es war« von Harro Zimmermann, Frankfurter Rundschau am 27.3.1996

»Überhaupt ist der Formenreichtum des Bandes erstaunlich, bewundernswert die Fähigkeit des Autors, das Vielfältige zum Eigenen zu machen. Es gibt unter den Gedichten ironisiert Liedhaftes, Anklänge an Heine; es gibt den trockenen Ton, die lakonische Sprache, die an die Gedichte des Bandes ›Privateigentum‹ erinnert; es gibt fragmentarisch wirkende Notate, und nicht selten hört man semantische Anklänge an lyrische Traditionen der klassisch-romantischen Zeit. Dies nicht als ein Pastiche, das alte Sprachformen variiert oder durchscheinen läßt; nicht als Zitat und nicht als Formspiel. Der Autor hat eine neue Souveränität im Umgang mit der Sprachtradition erreicht: er braucht sie und verändert sie, um so, in Anklang und Abgrenzung, die eigene Sprache zu gewinnen.«

Aus: »Der Freispruch des Sisyphos. Formenreich: Kurt Drawerts Gedichtband Wo es war« von Elsbeth Pulver, Neue Zürcher Zeitung am 23.7.1996

»Der vierzigjährige Kurt Drawert ist eine der bedeutenden Stimmen beider Deutschland. Das will sagen: der in der DDR groß gewordene Lyriker hat seine historische Erfahrung mit dem verwachsenen Sozialismus, die auch eine moralische Zerstörung war, nicht verbunkert. Das Wort hat zwei Bedeutungen – der Ton seiner Gedichte, voll lakonischer Trauer, voll trotzigem Selbstbewußtsein anklingend an Gottfried Benns berühmtes ›Und dennoch die Schwarte halten‹, hallt nicht dumpf hinter dem Beton einer DDR-Nostalgie hervor; und zugleich sieht sich der Autor nicht als Armierungs-Soldat einer neuen Ost-West-Frontlinie. Er wagt es, das verletzte Humanum auszuleuchten: zwischen dem grellen Flittertand des westlichen Konsumismus und der diabolisch lodernden Fackel des untergegangenen östlichen Kommunismus. Drawerts Gedichte (…) orchestrieren keinen Untergangsveitstanz, doch auch kein rosiges Ballett einer Zukunftsverheißung. Sie sind weder Epitaph noch Vision. Sie sind strenge Vermessung zerstörter Lebensmöglichkeiten, dabei von eindringlichster poetischer Leuchtkraft, durchaus erinnernd an die Wortwunder des aus Rußland vertriebenen Dichters Brodsky.«

Fritz J. Raddatz in »Nouvel Observateur«, Paris