Deckblatt Zweite Inventur

Zweite Inventur

Gedichte
Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1987
140 Seiten, gebunden, M 4,50
ISBN 3-351-00637-3

  • Textauszug

Zweite Inventur

	für Günter Eich

Ein Tisch. 
Ein Stuhl.
Ein Karton für altes Papier, Abfälle,
	leere Zigarettenschachteln, Briefe,
	die keiner Antwort bedürfen.

3 Meter entfernt: Ein Schrank.
				Ein Tisch.
				Ein Stuhl.
				Ein Karton
	für Notizen, Belege, Rechnungen.
				Das Bett.

2 Meter entfernt: Ein Schrank.
				Ein Tisch.
				Zwei Sessel.
				Eine Ablage
	für Manuskripte.

Auf dem Fensterbrett stehen Bücher,
Bücher stehen auf der Erde,
auf den Tischen 1 und 2.
Unter den Tischen Körbe
mit schmutziger Wäsche.
Zwischen den Körben, im Koffer,
der auf dem Fußboden steht,
wo gebrauchte Fahrscheine liegen,
zerknüllte Seiten, begonnene und verlorene
Sätze, die Schreibmaschine.

Das ist mein Zimmer. 

Allein ich weiß, wo etwas
zu finden ist.
Sobald ich mich bewege,
überzeugend zwischen den Dingen,
die ich kenne, bin ich überzeugt,
mich zu bewegen.

Das ist mein Vorteil.

Mein Vorteil ist die Anwesenheit
von Gegenständen, die mir vertraut sind,
die mir vertraut sind wie die Erfahrung,
sie wieder verlieren zu können,

endgültiger.

Zwischenzeitlich

I

Ich bin, was ich in meiner Sprache bin,
Was ich in den Worten bin, die ich mir
			über mich mache. 
Was ich in den Worten bin ist das,
Was ich in den Worten der anderen war,
Weil ich bin, was ich für andere bin,
			und
Weil ich für andere bin, was ich nicht 
			bin.
Also ich bin, was ich nicht bin und bin nicht,
Was ich bin.


II

Wenn meine Sprache, meine Gedanken, einer
Verfehlung gleich, abnabeln vom Sinn,
Wortkrank sich verlieren, versanden,
Wenn mein Raum, also das Rechteck
Schulter Schulter, Fuß Fuß, einem, versehentlich,
			falschen
Ausdruck erliegt, dann werde ich abscheiden,
Im Schnee stehen und mir nachwinken, bis der Arm
			erfriert,
Blau das Gesicht von des Scheiterns schneidendem 
			Wind. 

Tagebuch

Die Wolken treiben dahin
an diesem Morgen, wie die 
Worte in meinem Herzen,

bis sie verschwinden, wie die 
Wolken in diesen Morgen, 
der Morgen in diesen Tag, 

und der Tag in den Sätzen:
Das war eine Wolke oder 
das war ein Morgen 

verschwunden sein wird.
Ich denke, daß alles endet,
indem es beginnt, 

und es ist Montag, und die Dinge 
verschwinden, und ich gehe 
aus dem Haus, über die 

Straße, über den Platz, deine 
Bemerkung erinnernd: „Unsere Liebe 
ist wirklich“, wie dieser Morgen, 

diese Wolken, dieser Tag, 
wie die Worte in meinem Herzen 
wirklich wirklich 

				gewesen sein werden.