Deckblatt Dresden. Die zweite Zeit

Dresden. Die zweite Zeit

Verlag C. H. Beck, München 2020
298 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-40675477-7

Man erbt immer ein Geheimnis.
Karl Marx

Ich bin mit allem, was ich entwickeln muss, ehe ich sterbe, in Verzug.
Jacques Lacan

Inhalt

Bahnhöfe. Ankunft (1)
Töne. Spuren
Heimat. Ankunft (2)
Schuld. Erinnerungsmythos (1)
Pegida. Metaphern
Vaters Buch (1)
Kolumne, SZ (1)
Gespräche. Keine Gespräche
Kolumne, SZ (2)
Die Gesetze der Jungpioniere
Biografisches Stück
Lektüre. Randnotizen
Kolumne, SZ (3)
Fehlerwartung. Wahrnehmungsfehler
Schuld. Erinnerungsmythos (2)
Die Diktatur nicht des Proletariats / sondern der Technik
Das verlorene Erbe. Häuser, Straßen, Tod
Lesen. Existieren
Spiegelland / Spaltungen. Zerwürfnisse
Nicht mehr: Im Namen des Vaters
Die Schuld, es zu sagen / oder es nicht zu sagen
Der Sturz. Die Schultermetapher
Vaters Buch (2)
Der Ort. Schultermetapher (2)
Die Liebe meines Vaters zu seinem Hund
Der Schnitt in den Körper
Subjekte. Objekte
In den Fabriken (1)
Buch Ludwig
Die missglückte Operation. Versagensscham
Vaters Buch (3)
In den Fabriken (2)
Mutters Buch (1)
Das Glück des Sisyphos. Mutters Buch (2)
Schuld. Erinnerungsmythos (3)

Bahnhöfe. Ankunft (1)

Ich suche etwas, von dem ich nur weiß, dass es mir fehlt. So bin ich zurück nach Dresden gekommen, ein halbes Jahrhundert danach. Aber auch, wenn ich meine Koffer auspacke, komme ich nicht an. Vielleicht gerade auch deshalb nicht, weil ich die Stadt noch aus den siebziger und achtziger Jahren kenne, davon heute aber nichts mehr wiederfinden kann. Die gleichen Straßen sind andere Straßen, die gleichen Häuser andere Häuser. Alles ist anders, auch wenn es, seiner Form, seiner Hülle, seiner Haut nach, überhaupt nicht anders ist. Doch es geht eine Bewegung durch die Dinge hindurch, die noch die alten Dinge sind, durch die sie andere werden, fremde, rätselhafte Wesen. Es sind die Menschen, durch die sich alles, auch das Unveränderte, ändert. Und man selbst ist ja auch unentwegt ein anderer. Nur der Fluss ist mir vertraut, sein ruhiges Gleiten in weichen, mäandernden Bögen, von Wiesenlandschaft gerahmt und an den Hängen der Loschwitzer Höhe vorbei, heute wie gestern oder wie vor einhundert Jahren. Der Dresdener Dichter Heinz Czechowski, den seine Freunde liebevoll Czecho nannten, schrieb einen der schönsten Verse dazu: Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluss.

Die Wohnung im Stadtteil Pieschen, Arbeiterviertel, Prekariat statt Prominenz (was mir besser gefällt), ein Einkaufscenter schräg gegenüber, Discounter, ein kleines Obst- und Gemüsegeschäft, das einem Vietnamesen gehört, der aus der D.D.R. nicht mehr rechtzeitig wegkam (oder sind es schon dessen Kinder oder Enkelkinder?), die Straßenbahn gleich vor dem Hauseingang, der immer mit irgendetwas vollgestellt ist und verweht von Laub oder Fetzen Zeitungspapier, das berühmt/berüchtigte Brauhaus Watzke zwei Straßen weiter („Wo Sie vielleicht nicht so gern hingehen möchten?“ – „Nein, und warum nicht?“ – „Wegen diverser Treffen?“), 1-Zimmer-Appartment im vierten Stock, Kunststofffußboden, der mich an Plaste & Elaste aus Schkopau erinnert, unter mir ein IT-Management, eine Arztpraxis, die Sparkasse. Funktional, ausdruckslos, aber mit heller Fensterfront und einem (allerdings verwucherten) Dachgarten, der mich versöhnt. Die Vorstellung, nicht aus einer Wohnung ins Freie treten zu können, und sei es nur auf einen Balkon, jetzt, im Sommer, war mir fast unerträglich. Bin ich verwöhnt?

Der Kleiderschrank im Vorraum ist schmal, mehr ein Spind in zwei Reihen, zur Hälfte mit Handtüchern, Bettwäsche und den vergessenen Sachen früherer Gäste gefüllt. Ich hänge ein paar Hemden und Jacketts auf die schon verbogenen Bügel aus Draht, wie man sie von der Reinigung bekommt, und lasse alles andere im Koffer. Ich habe keine Lust, mir weitere Fächer zu suchen oder sie durch Umschichtung der Innenablagen frei zu räumen; es kommt mir plötzlich so absurd vor, dieses Hiersein, dieses Ankommen und Auspacken und Einräumen der Dinge des täglichen Bedarfs, im Grunde geübt und erfahren durch viele andere Stipendien an allen möglichen Orten der Welt, die besser oder schlechter, größer oder kleiner, vornehmer oder einfacher waren; dieses „Zurück-in-der-Heimat-sein-Wollen“, das ich mir als ein mögliches Motiv so konkret bis zu diesem Moment gar nicht vorgestellt habe und das ich, in einer anderen Verfassung, entschieden bestritten und mit einem Zitat aus „Spiegelland“ (von vor fast dreißig Jahren) fortfolgend widerlegt hätte: „Die Geschichte des Körpers ist hinlänglich beschrieben, und man muss sie verlassen, man muss seine Herkunft verlassen und deren Bilder und alles, was an sie erinnert. Und man verlässt sie, indem man sie ausspricht, wir müssen alles erst einmal sprechen, um es dann zu verlassen, wir sagen unseren Namen, und wir haben unseren Namen verlassen, wir sagen unsere Liebe, und wir haben unsere Liebe verlassen, wir haben eine Sprache, um die Sprache zu verlassen, und so verlassen wir uns selbst, um uns selbst zu erreichen, ich kann eine Stadt und eine Landschaft und eine Herkunft, ob es dieser holsteinische Ort ist oder das Sachsen oder das Märkische meiner Kindheit, ohne Trauer verlassen, ich kann mich ins Auto setzen und losfahren und ohne Mühe alles und für immer verlassen, denn es gibt keine Heimat, wenn es sie in uns selbst nicht gibt. Und heimatlos sind wir doch alle.“

Nach besinnungslosen Tagen voller Termine und Verabredungen, verstaue ich auch die restlichen Sachen, die noch irgendwo auf dem Fußboden liegen, und räume die Bücher, die ich mir mitgebracht habe, in zwei frei gebliebene Regalfächer ein – die anderen sind mit Touristenliteratur, Kunstbänden und den Hinterlassenschaften ehemaliger Stipendiaten gefüllt: Die Biografie über Jacques Lacan von Elisabeth Roudinesco, an der ich schon fast ein halbes Jahr lese, weil sie so tiefgreifend und voluminös ist, dann Schriften Lacans, das berühmte „Seminar X“, Essays von Zygmunt Bauman zur Flüchtlingskrise und zur „Angst vor den anderen“, eine gerade in Dresden sicher ergiebige Lektüre, ebenso wie die von Julia Kristeva: „Fremde sind wir uns selbst“, ein Text, der, schon in den 1980er Jahren geschrieben, alles Wichtige vorausgesagt hat, Proust, Band drei und Band vier, „Das Leben“ von Georges Perec, „Die Jahre“ von Annie Ernaux, das mich nach vierzig Seiten plötzlich zu langweilen begann und in eine Krise des Lesens stürzte, weil mich dessen komplexe Struktur, nein, nicht überforderte, aber in mir auf eine Ungeduld stieß, die ich so noch nicht kannte, ein Maurice Blanchot, Titel gerade nicht greifbar, Nachschlagewerke, Wörterbücher, und, wie immer, der Duden, zerlesen und mit Markierungen versehen wie kein anderes Buch, nach alter Rechtschreibung, in Leinen gebunden und nur noch antiquarisch erhältlich. Auch ein paar eigene Bücher, für den Fall der Fälle, dass ich irgendwo eingeladen werde und der Gastgeber auch ein Leser ist (oder sich die Bücher wenigstens, nach Größe und Farben des Covers geordnet, ins Fach stellt). Zumindest das ist ein praktischer Nebeneffekt des ansonsten kaum rentablen Schreibens: man hat immer etwas zum Verschenken dabei. Die berühmten Bücher für den Zahnarzt, so hatte es mein toter Freund Raddatz genannt; dieser herrlich böse Kautz, und wie sehr er mir fehlt.

Auch Gerüche sind eine Sprache, die eine Geschichte erzählt, und diese Wohnung riecht nach Desinfektionsspray, wie man ihn von den Toiletten einer Arztpraxis kennt. Aber das ist nur der erste, flüchtige Eindruck, denn dahinter, hinter dieser strengen, scharfen Geruchswand, die zweifellos die Spuren einer letzten Putzbrigade sind, die im Auftrag des Vermieters kurz vor meiner Ankunft hier gesaugt, gefegt und aufgeräumt hat, liegen leichtere, wärmere, schwebende Gerüche, etwas süßlich, wie ein Parfum oder Atem der Haut oder Träume, die zu einem Duft geworden sind, und nur ich, in diesem Moment, nehme ihn wahr.

Es ist die Anwesenheit des anderen, die seiner tatsächlichen Anwesenheit noch recht lange folgt, eine abwesende Anwesenheit, eine lautlose, verborgene, ferne Anwesenheit, eine Anwesenheit in den Spuren und Dingen, die liegen geblieben oder vergessen worden sind wie diese Sachen im Spind auf dem Flur. Es ist die Anwesenheit einer anderen Sprache, eines anderes Textes, einer anderen Stimme, die sich mit einem Namen und einem Gesicht und einem Charakter verbindet und die für eine unbestimmt lange Zeit in die eigene Stimme hineinspricht, sie stört oder verhindert. Es ist nicht das grandiose Rauschen der Bücher in den Sphären der universalen Bibliothek, das jeder, der schreibt, zu hören und zu übertönen hat, sondern es ist die ganz konkrete andere Schreibexistenz, die sich ihr Zelt genau dort hingestellt hatte, wo man nun selber für eine Weile kampiert. Und es hat mich immer bedrängt, wenn dieser (oder diese) andere Manuskripte zurückgelassen hat, irgendwo in den Ablagen, angefangene Erzähltexte, Dialoge zu einem Stück, begonnene und plötzlich unfertig endende Gedichte, vielleicht, weil gerade Besuch gekommen ist; und dann, fein geordnet im oberen Fach, die eigenen Bücher, meistens die letzten, wenn vorhanden in einer Taschenbuchausgabe, die billiger ist, aber eben so, dass sie eine Herausforderung sind, in die Hand genommen und gelesen zu werden, dass sie sprechen (wo ein anderer, jetzt ich, seine unbedingte Ruhe haben will).

Es herrscht ein extremer Narzissmus unter uns Schreibexistenzen, durch den wir selbstverständlich davon ausgehen, dass jeder Satz, den wir für alle Welt niedergeschrieben und aufbewahrt haben, alle Welt auch interessiert. Aber anders würden niemals die Bücher entstehen, die entstehen, weil es diese Anmaßung, diese Zumutung, diese Überheblichkeit gibt. Und es gibt eine einzige Entschuldigung, die von Gültigkeit ist: die Sätze, Bücher, haben es verdient, in einer Bibliothek zu erscheinen, weil sie etwas über sich selber Hinausweisendes sind – eine Produktion, von der der Autor selbst nichts mehr weiß. Und so auch verstehe ich die zurückgelassenen Papiere der anderen: Es sind Illusionen von Bedeutsamkeit, Berührungsversuche mit einem Leser (wer auch immer das sein soll).

Eines aber war mir immer schon und ausnahmslos in allen Häusern, Zimmern oder Appartements, Schlössern, Burgen oder Villen für Stipendiaten der schreibenden Kunst ein Problem: das Bett. Nicht das Möbel an sich, mit guter oder schlechter Matratze, zu klein oder zu groß, zu hoch oder zu niedrig, sondern das Ding, das Geschichten erzählt, die ich nicht erzählt bekommen mag – erzählt bekomme allein dadurch, dass ich sie mir selber erzähle, einbilde und als Einbildung vor mir erstehen lasse wie Bilder aus der wirklichen Welt. Das Bett in einer Stipendiatenwohnung ist völlig unvergleichbar mit einem Bett im Hotel, wo ich nicht weiß und auch nicht wissen will, wer alles schon vor mir dort lag. Ein Bett im Hotel geht mich nichts an; es ist anonym, kalt, unbeseelt; es hat keine Geschichte oder eben keine, die mich in irgendeiner Weise interessiert. Das Bett im Hotel ist ein Bett im Hotel. Hier aber, in dieser Stipendiatenwohnung, die ich jetzt bewohne, sehe ich sofort im Gästebuch nach, sofern ich es nicht schon vorher durch diverse Vermerke im Internet oder in Katalogen oder auf den Listen der Stipendienempfänger im Einladungsschreiben mitbekommen habe, wer vor mir alles schon da war, und je näher deren oder dessen Zeit an meine Gegenwart rückt, desto unwohler ist mir und desto bedrängter fühle ich mich, so als würde er oder sie immer noch da sein und gerade schlafen, Musik hören oder (und daran führt kein Phantasieweg vorbei) es mit jemandem tun. In diesem Bett aber – Gott sei Dank oder leider, je nachdem, durch welches Schlüsselloch hindurch man das sieht – kann man es nicht tun, oder man muss sich verrenken und bricht sich ein Bein. Allein liege ich gut darin, gewiss, kann lesen und im Geist unterwegs sein – aber es ist, ganz protestantisch, auf Keuschheit gerüstet.

FOTO 1

Töne. Spuren

Ein surrender Ton ist zu hören, wie von einem Kühlschrank, nur lauter, schneidender, unablässig. Er breitet sich in der gesamten Wohnung aus, wie ein Geschwür, gegen das nichts getan werden kann. Ich stecke mir Watte in die Ohren, setze Kopfhörer auf – der Ton kommt meinem Gehör hinterher, leiser, gedämpfter, aber hörbar genug, um genau dadurch, dass er gehört werden kann, unerträglich zu sein. Gerade zur Nacht, wenn alle anderen Geräusche verschwunden sind, bleibt dieser grelle, schneidende Ton und zerrt und sägt an den Nerven. Ohne Schlaftabletten komme ich nicht durch die Nacht. Am nächsten Morgen rufe ich in der Stadtverwaltung an. Da könne man nichts machen, heißt es, es sei eine Klimaanlage, die automatisch, sobald eine bestimmte Außentemperatur auf einem Sensor erscheint, zu laufen beginnt. – „Aber“, setzt die Frau auf der anderen Seite der Telefonleitung noch hinterher, „wir haben deshalb auch noch niemals Beschwerden gehabt. Vielleicht sind Sie ja auch besonders empfindlich?“ – „Ja, sage ich, ich bin besonders empfindlich, weil ich hier den ganzen Tag bin und arbeiten muss, wofür ich diesen Lärm ganz bestimmt nicht gebrauche.“– „So? Was machen Sie denn, wenn ich so neugierig sein darf?“ – „Schreiben, so es denn geht.“ – „Schreiben? Sie schreiben? Aha.“

Kunst und Idiosynkrasie, was für ein Thema. Völlig unmöglich, einem, der nicht schreibt, verständlich zu machen, was einem, der schreibt, alles stören und hinderlich sein kann. Es ist ein solches empfindsames Gewebe an innerer und äußerer Reizbarkeit nötig, um eine Stimme, die es nicht gibt, zu hören – nicht zu halluzinieren, sondern in sich zu finden, zu imaginieren, zu transformieren und produktiv werden zu lassen –, dass kleinste Störungen in diesem Netz aufeinander reagierender Gefühlswahrheiten, die schließlich Sätze und Gedanken werden, fatale Wirkungen haben und schließlich etwas außer Kraft setzen können, blockieren und verhindern, das es nur vor dem Hintergrund dieser Möglichkeiten gab. Das klingt kompliziert und ist es wohl auch. Das Einfache ist immer kompliziert. Einfachheit und Kompliziertheit ergänzen einander und komplettieren den jeweils anderen Teil. Es ist unser Blick, unsere Frage, unsere Wissenssehnsucht, nicht nur ein Ding zu besitzen, sondern es auch zu verstehen. Das Schwierige zu erfahren, das System hinter dem Ding zu erkennen, ist eine sehr eigene Lust, die über alles hinaus befriedigen kann. Erkenntnis ist an Lust gebunden, sonst wäre es kaum auszuhalten, sie zu erwerben.