Deckblatt Fraktur

Fraktur

Prosa, Lyrik, Essay
Reclam Verlag, Leipzig 1994
255 Seiten, Broschur, DM 22
ISBN 3-379-01492-3

  • Textauszug

Text1

: Und daß es die Hoffnung ist, in die hinein die Existenz sich entfremdet, habe ich schließlich gedacht gehabt, als ich den unter die Erde führenden Betonweg hinab in die Gaskammer ging. Eine Szene bei Borowski ist mir eingefallen gewesen, in der beschrieben steht, wie eine Gruppe Frauen ins Vernichtungslager Auschwitz überführt wird, wie dieser Todeszug, nur von wenigen SS-Leuten flankiert, an zehntausend Häftlingen, Männer, für die, so Borowski, die Frau mehr noch als die Sehnsucht des Körpers Verkörperung des Gedankens an Freiheit war und die, so er weiter, den ganzen Tag über kaum von etwas anderem sprachen als von Frauen …, wie dieser Todeszug nun, in jener Szene, an die ich, als ich den unter die Erde führenden Betonweg hinab in die Gaskammer ging, gedacht gehabt habe, an zehntausend Häftlingen, die tatenlos und stumm am Straßenrand lagerten, vorbeigetrieben worden sind. Die Frauen haben laut zu schreien angefangen gehabt, als sie an den Häftlingen, denen sie nicht nur Körper, der sich in einem Lagerbordell bekommen ließ als höchste Form der Belohnung, so Borowski, sondern Verkörperung des Gedankens an Freiheit waren, vorbeigetrieben worden sind …, laut zu schreien haben sie angefangen gehabt und zu den Männern, zu den tausenden von Männern, die tatenlos und stumm am Straßenrand lagerten, haben sie gerufen gehabt, daß sie vergast werden würden, wenn nicht sie, die tausenden verzweifelten und ebenso dem Tode nahen und auf Abruf vegetierenden Häftlinge, sie eben jetzt, auf dem Weg ins Vernichtungslager Auschwitz, zumal bei schwacher, den Männern weit unterlegener Bewachung, befreien würden. Und es ist die Hoffnung gewesen, habe ich gedacht gehabt, als ich den Weg ging, den sie fast ein halbes Jahrhundert vor mir gegangen waren unter die Erde, es ist die plötzliche Hoffnung gewesen beim Anblick dieser möglichen Kraft tausender ebenso verzweifelter und ebenso dem Tode naher Männer, daß sie, denen die Frau zugleich Verkörperung war des Gedankens an Freiheit, sie befreien würden, jetzt, in diesem einen und einzigen, möglichen Augenblick, der ein Augenblick der Gewißheit und des nahenden Todes gewesen war. Jede Verlautbarung, habe ich gedacht gehabt, ist nicht nur Reaktion auf ein Ereignis, sondern sie ist selber Ereignis im okkupierenden Sinn. Jenseits dieser Okkupanz von Ereignissen sind wir nichts als stumme, hilflose Körper, die ihre von außen auf sie zukommenden Bestimmungen haben. Wir entfremden uns in diesen unseren Körper, weil wir zu resigniert sind und zu verzweifelt sind und ganz ohne Hoffnung sind, habe ich gedacht gehabt, denn nur die Hoffnung, daß die Verlautbarung dem fremden, uns okkupierenden Ereignis etwas entgegenzustellen vermag, das das Ereignis okkupiert, habe ich gedacht gehabt, als ich den unter die Erde führenden Betonweg hinab in die Gaskammer ging, gibt dem sinnlos in sich beschlossenen Körper einen Ausdruck. Und es ist nicht nur der Zustand des Ereignisses, den wir durch einen Ausdruck zu okkupieren versuchen, es ist vielmehr das Wissen um die Anwesenheit eines anderen, der den Zustand des Ereignisses durch eine Okkupanz des Ereignisses aufheben kann …, daß es uns die Hoffnung gibt, den Zustand des Ereignisses auf uns selbst hin verändern zu können durch einen Ausdruck. Wir geben einen Ausdruck unseren sinnlos in sich selbst beschlossenen Körpern, weil wir um die Anwesenheit des anderen wissen, aber wir vergessen die Anwesenheit des anderen im Augenblick des Alleinseins und sind viel zu verzweifelt, um nach einem Ausdruck zu suchen, oder wir nehmen die Anwesenheit eines anderen wahr, aber es ist die Anwesenheit eines ebenso verzweifelten anderen, daß kein Ausdruck hervorzugehen vermag aus dem Wissen um die Anwesenheit dieses anderen, den wahrzunehmen so dem Augenblick des Alleinseins entspricht, oder aber wir erinnern uns der Anwesenheit eines anderen im Sinne der zum Zustand des Ereignisses gewordenen Okkupanz und haben die Hoffnung, den Zustand des Ereignisses durch unsere Ausdrucksgebärde und Verlautbarung zu verändern, habe ich gedacht gehabt, als ich durch die Tür in die Gaskammer ging und an Borowski gedacht habe …, an jene Szene bei Borowski, in der beschrieben steht, wie eine Gruppe nackter Frauen an zehntausend vor den Toren von Auschwitz lagernden Männern vorbei zur Vernichtung getrieben wird, wie diese Frauen in der Hoffnung, den Zustand des Ereignisses im Augenblick der Begegnung mit den Häftlingen, denen die Frau mehr noch als alles Verkörperung des Gedankens an Freiheit war, so Borowski …, den Zustand des Ereignisses im Augenblick der Begegnung mit den Häftlingen durch einen Ausdruck zu verändern, denn sie riefen den Häftlingen die Wirklichkeit, die keine Hoffnung zuließ, zu und forderten sie auf, diese Wirklichkeit zu zerstören, und das ist Hoffnung gewesen. Aber die Männer, habe ich gedacht gehabt, denen die Frau mehr noch als alles Verkörperung war des Gedanknens an Freiheit, haben apathisch und stumm und hilflos zugesehen gehabt, wie diese Gruppe nackter Frauen an ihnen vorbei in die Gaskammer lief, und die schwache Bewachung, habe ich gedacht gehabt, als ich in der Gaskammer stand, wäre Anlaß genug gewesen, der Hoffnung dieser Frauen zu entsprechen und den Zustand des Ereignisses um das Ereignis der erfolgenden oder der versuchten Befreiung zu verändern, zumal jene vor den Toren von Auschwitz lagernden Häftlinge dem Tode nahe und selbst nur auf Abruf vegetierende Häftlinge gewesen sind, denen die Hoffnung der Frauen, die ohnehin mehr als alles Verkörperung des Gedankens an Freiheit waren, die Hoffnung auf Freiheit hätte geben müssen. Aber die Männer haben stumm und tatenlos zugesehen gehabt, so Borowski, wie die Frauen, die die Wirklichkeit in der Hoffnung auf Veränderung dieser Wirklichkeit benannten, in den Tod getrieben worden sind, und auch das, habe ich gedacht gehabt, ist Hoffnung gewesen, denn die Männer glaubten nicht, daß die Möglichkeit der Wirklichkeit Wirklichkeit bedeutet, und das nicht geglaubt zu haben, ist die negative Hoffnung gewesen, so daß die Anwesenheit der einen Hoffnung an der Anwesenheit einer anderen Hoffnung zerbrach. Und in Wirklichkeit, habe ich gedacht gehabt, sind es nur die Männer gewesen, die in Hoffnung gewesen sind, denn die Frauen wollten den Zustand des Ereignisses verändern und sind so ganz ohne Hoffnung gewesen und hätten die ganze Hoffnungslosigkeit der Männer gebraucht, um den Zustand des Ereignisses zu verändern. Die dem Tode nahen Frauen haben von der Möglichkeit der Wirklichkeit gewußt und so alle Hoffnung verloren gehabt und gedacht, auch die zehntausend vor den Toren von Auschwitz lagernden Männer wären ganz ohne Hoffnung gewesen, denn auch sie waren dem Tode nahe, erniedrigte Existenzen. Bald aber haben sie begreifen müssen, daß die zehntausend vor den Toren lagernden Häftlinge hoffende Häftlinge waren, die die Möglichkeit der Wirklichkeit nicht für die Wirklichkeit der Ereignisse hielten, und ich stellte mir vor, wie die in die Gaskammern geführten, völlig hoffnungslosen Frauen, als sie nackt den unter die Erde führenden Betonweg, den ich hinabgegangen war, hinabgingen, plötzlich in Hoffnung verfielen und der Wirklichkeit ihre Möglichkeit absprachen in dieser Hoffnung und auf keine Veränderung des Zustandes des Ereignisses mehr drängten und die Okkupanz stumm und hilflos ertrugen, ganz so, wie die zehntausend vor den Toren von Auschwitz lagernden Männer den Anblick der in den Tod getriebenen Frauen ertrugen, wodurch ihre Körper sinnlos in sich selbst beschlossene Körper geworden waren, wie die Körper der in den sicheren Tod getriebenen Frauen sinnlos in sich selbst beschlossene Körper geworden sind. (…)


1 … aber natürlich, und damit hatte sie recht, hatte der Text, indem er die Spuren des Unmöglichen in sich aufnahm, nachvollzog, zugleich das Scheitern am Text zu sein, er hatte, und darin waren wir uns einig, jeden Anspruch auf Sprechbarkeit auszuschließen, er hatte auszuschließen, daß er gelesen werden kann, aber, und damit hatte sie recht, er hatte seine Sprechbarkeit als Text auszuschließen, denn das war, und es hatte zugleich seine Zumutbarkeit zu bedeuten, sein Anspruch. Aber ich weiß nicht, wo sie war, als ich allein gewesen bin. Bis heute mache ich mir Gedanken darüber, wie es geschehen konnte, nicht bemerkt zu haben, daß sie nicht neben mir lief, oder stand, ich stand ja dann eine nicht beschreibbare Zeit an einem nicht beschreibbaren Ort. Und vielleicht gibt es in Wirklichkeit keine beschreibbare Zeit und keinen beschreibbaren Ort, vielleicht war diese unbeschreibbare Zeit und dieser unbeschreibbare Ort, den ich beschrieb, nur ein Verweis darauf gewesen …, und vielleicht kommen wir, so gesehen, nicht vor jenseits des Sprechens, doch ich weiß nicht, wo sie, in diesem Moment, war. Und das ist es, was mich beschäftigt.