Deckblatt Reisen im Rückwärtsgang

Reisen im Rückwärtsgang.
Zwei Dichter unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn

zus. mit Blaise Cendrars
Arche Verlag, Zürich und Hamburg 2001
126 Seiten, gebunden, EUR 14,50
ISBN 3-7160-2282-9

Vororte

Vermutlich gibt es keine Reise der Welt, die erklärungsbedürftiger ist als die, mit einer Eisenbahn fast 10 000 Kilometer bis ans Ende von Rußland zu fahren und mehr als sieben Tage in einer Kabine von zwei mal zwei Metern hauptsächlich im Bett zu verbringen. Vorausgesetzt freilich, es gibt keine praktischen Gründe, wie Säcke von Moskau nach Sibirien zu transportieren oder die Verwandten auf dem Land zu besuchen. Die Freiwilligkeit in der Verschwendung von Zeit, die reine touristische Lust, eine Strapaze als Urlaub zu buchen, das ist das wenig Faßbare und einem Einheimischen schier Unbegreifliche daran. Wen immer man auf seine Motive hin ansprechen mag, man bringt ihn zum Schweigen, und wenn er nicht schweigt, ist die Antwort nur eine Verlegenheitsauskunft. Nun mag es gewiß nicht nur den einen gültigen Anlaß geben, der sich im Verborgenen hält und den es herauszufinden gäbe. Die Anlässe sind so verschieden wie die Menschen, die ihnen folgen. Eines aber ist ihnen gemeinsam: sie sind nicht das, was über sie gesagt werden kann. Es gibt einen Rest in ihnen, ein Geheimnis, das mit der tiefen Sehnsucht einhergeht, die Gegenwart zum Verschwinden zu bringen und auf einem Weg in die Ewigkeit des Vergangenen zu sein. Die Freiwilligkeitspassagiere, es sind Zeitreisende, die sich rückwärts bewegen, ins Reich der Väter der Väter, und weiter. Ihre Hoffnung ist eine Fahrt ohne Ankunft, und ihr Genuß ist die über lange Stunden und Tage währende Illusion, diese Hoffnung gehe in Erfüllung. Sie sind tief verstrickt in ein Gespräch mit sich selber, auch wenn sie es nicht hören mögen, weil sie in beabsichtigter Selbstablenkung mit den anderen sprechen oder es vielleicht nicht einmal wissen. Und nicht wenigen, die gekommen sind, ihr inneres Leben zu finden, droht ein mächtiger Absturz. Denn der Vorhang geht auf und legt offen, daß hinter ihm nichts ist und daß sein Sinn eben der war, das zu verbergen. Dann wird die Zeit als eine Tragödie begriffen, als ein Ungeheuer, das zu töten man ausgezogen war und das einen nun selber verschlingt. Unsinnige Verrichtungen sind die schwierige Antwort: alle halbe Stunden den Gang vor und zurück zu laufen, übermäßig Tee aufzugießen, der dann wieder weggeschüttet wird, oder an einem Butterbrot zu kauen, ohne Hunger zu haben und so, daß der Teig im Mund Brei wird, als wäre er selbst schon der Augenblick, der sich auflösen sollte. Nicht der Raum, sondern die Zeit ist der Feind, der am Ende stärker sein wird und jeden, der es mit ihm aufnimmt, in die Unterlegenheit zwingt. Hätten sie, die Gescheiterten am Ende der Reise, diese Herausforderung angenommen, wäre ihnen vorstellbar gewesen, welche Peinlichkeiten, welche Kränkungen, welche Niederlagen sie erwarten? Hat nicht die Technik die Geschwindigkeit erfunden, um die Zeit zu betäuben, wenn nur erst der Raum seinen Widerstand aufgibt und seine Ausdehnung keine entscheidende Rolle mehr spielt? Und sie, die Helden unserer Geschichte, wollen die Zentrifuge zur Erzeugung von Bewußtlosigkeit verlassen und in einem Zug unterwegs sein, der aus heutiger Sicht dem Niveau einer Kutsche entspricht?  (…)

(…) Ich fühle mich schmutzig nach fast einer Woche nur mit einem zarten Strahl aus dem Wasserhahn auf der Toilette, dessen Konstruktion von der einmaligen Beschaffenheit ist, mit einer Hand immer einen Hebel an der Unterseite eingedrückt halten zu müssen, soll der Zufluß entriegelt und damit freigegeben werden. Da der Beckenabfluß über keinen Stöpsel verfügt, bleibt es die Kunst des Benutzers, das knappe Wasser mit der anderen Hand dennoch zu nutzen, ehe es durch das kleine Loch auf die Schienen gurgelt. Das gelernt zu haben, war vielleicht mein schönster Erfolg.

Exit

Während der Zug auf eine engere Schienenspur umgeleitet wird, was mehrere Stunden in Anspruch nehmen soll, steigen wir aus und sind frei, die Zeit mit nichts zu verbringen. Der kleine, eher provisorisch wirkende Grenzbahnhof ist durch Betonplatten in Richtung der Gleise von der Wohnsiedlung abgesperrt, in der ausschließlich hier beschäftigte Beamte des Zollverkehrs leben. Wer hier arbeitet, heißt es, sei entweder strafversetzt worden oder aber soweit verrückt, daß er nirgendwo sonst mehr anerkannt und lebensfähig wäre. Einen Ausgang vom Bahnhof zur Ortschaft gibt es nicht, nur einen wilden Durchbruch in der Betonwand, der gerade groß genug ist, um sich hindurchzwängen zu können. Ich verlasse das Gleisgelände und komme auf den Hof einer stillgelegten Fabrik, auf dem verrostete Transportloren stehen, ein Autowrack mit zerschnittenen Sitzen und zerschlagener Front, Ölkanister, die umgestürzt und ausgelaufen sind. Je weiter ich gehe, um so dichter ist der Boden mit Scherben, Papierresten und Abfällen bedeckt. Wo sich organische Rückstände finden, hängen die Fliegen in dichten Trauben und zehren sie aus. Schwärme von Fliegen, die vielleicht schon nicht mehr zu dieser Zone, sondern zur Geschichte gehören, von deren Kadaver sie leben. Ich weiß, daß diese Landschaft andauern und kein Ende haben wird, ich weiß, daß ich in ihr niemals ankommen werde, heute nicht und morgen nicht und nie. Und immer werden es Fliegen sein, die eine Zeugenschaft geben und eine Spur, daß etwas gewesen und geschehen sein muß auf dieser kalten, verloschenen Erde. Das Bellen der Hunde, durch das ich die Richtung zur Bahnstation wüßte, ist abgebrochen, nur ein gleichmäßig sirrender Ton ist zu hören, der in der Luft liegt und den ich nicht zuordnen kann. Ich laufe an verwinkelten Mauern vorbei, die zu keinem Bauwerk gehören. Ihr einziger Sinn ist nur noch die Schrift, die mit weißer Farbe auf dem Ziegelstein steht, Ja ljublju tebja. Ich weiß, daß es »Ich liebe dich« heißt, aber was es bedeutet, das bleibt mir verborgen.