Deckblatt Spiegelland

Spiegelland.
Ein deutscher Monolog

Roman
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1992
es 1715, 157 Seiten, DM 16,80
ISBN 3-518-11715-7

»Seinen Söhnen ›im Sinne einer Erklärung‹ hat Drawert diesen Text gewidmet. ›Spiegelland‹ ist, genau in diesem Sinne, das erste Buch eines ehemaligen ›Hineingeborenen‹ in die nunmehr vergangene DDR. Angesichts der Gedichte seiner Klientel vom Prenzlauer Berg hatte Gerhard Wolf einst in Aussicht gestellt: ›Ihre Psychogramme sind noch nicht geschrieben‹. Drawert hat das Seine getan, eine Sprachlosigkeit zu überwinden, die eine ganze Lyrik-Generation nur kommunikativ innerhalb eines Insiderkreises machte. Ob ihm andere ›im Sinne einer Erklärung‹ folgen werden und möglicherweise weitergehen als Drawert, der das Porträt des jungen Dichters aussparte, wird sich zeigen. Möglicherweise aber kündigt ›Spiegelland‹ einen Generationswechsel im literarischen Bild des ›Was bleibt‹ der DDR an, eine postume Wachablösung der DDR-Literatur.«

Aus: »Beim Aufsagewettbewerb unterm Tannenbaum. Hineingeboren in die DDR, um sie zu entlarven: Der Lyriker Kurt Drawert« von Siegfried Stadler, Frankfurter Allgemeine Zeitung am 10.4.1993.

»Kurt Drawert schafft seinen Text als Sprach-Begegnung und Sprach-Prozeß mit den mißbrauchten Worten und Begriffen, mit Fotos familiärer Erinnerung, mit den repressiven Bildern der Vergangenheit. Die Lust und die Trauer und die Wut, alles hinter sich zu lassen, sind Anfang und Ende des Textes, jedoch nicht im Sinne einer Flucht, nicht Eskapismus ist Drawerts Devise, eher eine ›Notlage des Körpers, ein gespaltener Empfindungszustand, ein dauerndes Mißverstehen zweier gegengerichteter sprechender Figuren‹. …Nein, er wird sie nicht los, diese DDR, die jetzt für ihn ein einziger Intershop ist. Nur in der Sprache, nur im Auseinanderfalten der einst furchtgebietenden und moralischen Anspruch erheischenden Begriffe befreit sich der Lyriker Drawert durch sein essayistisches Poem. … Unter den vielen Versuchen ehemaliger DDR-Autoren ist Drawerts sprachkritischer Text die bislang angemessenste und in der literarischen Form modernste Antwort auf den Zusammenbruch der DDR.«

Aus: »Nicht sprachlos, heimatlos. Kurt Drawerts deutscher Monolog Spiegelland « von Hans-Jürgen Schmitt, Süddeutsche Zeitung am 10.11.1992

»Kurt Drawert ist früh und verdient mit seinen Gedichten aufgefallen; 1989 wurde er mit dem Leonce-und-Lena-Preis ausgezeichnet. ›Spiegelland‹ ist sein erstes Prosabuch, und es ist mehr als eine Talentprobe. Daß Kunst etwas anderes ist als die Kopie oder Spiegelung der Wirklichkeit, die ihrerseits nichts anderes ist als Spiegelung der Vorstellung, wie Wirklichkeit auszusehen habe – diese poetologische Überzeugung ist, nie explizit formuliert, dem Text immanent und muß mitgelesen werden. ›Spiegelland‹ ist weder Erzählung noch Beschreibung, ist weder Essay noch einfach ein Dokument einer bestimmten historischen Situation. In kreisenden und bohrenden, aufgestauten und weiterdrängenden Sätzen, pathetisch und reflektierend, werden die Materialien einer Biographie um und um gewendet. Dabei ereignet sich das Erstaunliche, daß diese Erinnerungsfragmente durch die kunstvollen Sätze nicht etwa zerrieben werden; sie gewinnen in der Reflexion eine seltsame Transparenz… Und, seltsam genug, gerade diese Verfremdung bewirkt, daß das Buch einem nahegeht. Es leistet etwas anderes und mehr als jene detailreichen Werke, an denen kein Mangel besteht: es erhellt die Vergangenheit, die DDR als Teil der deutschen Geschichte, gleichsam von innen.«

Aus: »Ein deutscher Monolog. Zum ersten Prosabuch von Kurt Drawert« von Elsbeth Pulver, Neue Zürcher Zeitung am 11.1.1993

Begründung zum ersten Uwe-Johnson-Preis:

»In seinem ersten Prosawerk erkundet der Autor durch eine kunstvolle Mischung von Erzählung und Reflexion seine eigene Geschichte und die der untergegangenen DDR. Dadurch verhilft sein Monolog dem Vergangenen zur Gegenwärtigkeit – vor allem in seiner Auseinandersetzung mit der Biographien bestimmenden deformierten Sprache. Auf diese Weise eignet Kurt Drawerts ›Spiegelland‹, indem es von einer vergangenen, aber noch längst nicht überwundenen Zeit erzählt, eine der für Uwe-Johnson wichtigsten Dimension des Erzählens – die des Erinnerns.«

Neubrandenburg, den 23. September 1994