Monsieur Bovary

Theaterstück nach Flaubert
Suhrkamp Theaterverlag 2002

  • Textauszug

Orte und Zeit der Handlung

Tostes und Yonville-l'Abbaye in der Normandie, um 1850.

Die Bühne

Empfohlen wird eine Simultanbühne, die schnelle Bild- und Szenenwechsel ermöglicht. Die verschiedenen Sprechpositionen werden durch Licht verstärkt.

VORSPIEL

(Der Vorhang ist noch geschlossen. Auf der Vorderbühne und im Licht eines Scheinwerfers steht ein Kanapee. Félicité kommt von der Seite auf die Bühne und setzt sich. Sie ordnet ihre Kleidung, ehe sie zu sprechen beginnt)

Félicité:

Ich bin dann weggeschickt worden vom alten Monsieur Guérin in La Pollet, weil jemand falsch Zeugnis gesagt hat für gegen mich. Dreißig Sous soll ich genommen haben vom Guérin, was nicht passiert war vor Gott. Aber es hatte damit auch ein richtiges Ende in La Pollet, wo ich in Lumpen gehüllt dahinging wie gar nicht vorhanden. Manche Stunde vor Hunger habe ich dann mich hinlegen gemußt auf die Erde und aus einer Pfütze das Wasser getrunken. Und geschlagen und hart genommen haben sie mich. Da war es ein Glück schließlich, im Haus des Bovary dienen gekonnt zu haben. Der Monsieur Charles-Bartholomé Bovary ist gewesen ein Stabsarzt, weil da soll etwas mal vorgefallen sein, so daß er hat gehen gemußt und den kleinen Charles dafür leiden gelassen. Der ließ ihn barfuß laufen wie als wäre er ein Tierjunge. Aber Charles war ein ruhiger so friedliches Wesen und gar nicht geschaffen für den Monsieur Bovary sein Geistbild. Komme du nur hin zum Infanterieregiment und habe den Arsch kalt, sagte er immer wieder dem Tierjungen. Die Madame Bovary besorgte Schokolade dafür und schenkte sie ihm sehr oft, weil ihr die Seele schwer war darüber.

Aber gehangen am Rock hat er dann doch immer mir. So zog ich ihn mit in die Küche und auf die Bodenkammer zur Arbeit, schnitt aus Pappe aus lustige Figuren und erzählte Geschichten, wo am Schluß alles gut geht, damit er hat einschlafen können. Als er dann zwölf Jahre alt war, fand der Unterricht zum Lernen in einer Sakristei statt, wenn der Herr Pfarrer zwischen Taufe und Sterbeanlaß ein wenig noch Zeit übrig hatte. Da hat ihn dann die Frau Mutter doch nach Rouen hingebracht zum Gymnasium. Aber alle spotteten über ihn, weil er ging seltsam gebeugt und hat nicht gut reden gekonnt. Charles mochte sich mit Mühe abgeben, aber er verstand nicht.

Einmal schaffte er eine lobende Erwähnung in Naturkunde, daran erinnere ich mich wie gestern erst, so aufwärts ging das. Seine Frau Mutter hatte dann überall lange vorgesprochen gehabt, so daß Charles auch zum Medizinstudium hat gehen können. Fleißig war er, hatte gebundene, sauber beschriftete Hefte und tat alles nach wie ein Esel mit einem Tuch vor den Augen, der sich im Kreis dreht und nicht weiß noch nicht wohin und warum. Ich wurde über die Woche immer einmal zu ihm geschickt mit Kalbsbraten und frischem Brot. Aber er magerte sich dünn und leidend im Gesicht, aber das hat ihn dann auch wieder begehrlich gemacht, unseren Jesus zum tatsächlichen anfassen. So entdeckte er die Liebe oder die Liebe fand ihn, erzählte er mir, erinnere ich mich. Charles wurde und verbummelte in den Kneipen des Hafens herum, ich mochte es gar nicht dem Monsieur Bovary sagen. Noch am selben Abend, nachdem die Staatsprüfung schon ein Pfuschwerk geworden war, erwarteten wir ihn zu Hause mit viel feinem Kuchen und ich schon am Eingang des Dorfes. »Félicité!« fing er gleich an weinend zu rufen, »Félicité!« Es hat nicht sollen sein, aber es war vielleicht alles auch Unrecht gewesen. Es hat mir so stark das Herz weh getan, daß keiner kein Wort erfuhr. Die Mutter Bovary erst Tage später und der Monsieur, als Charles das Pfuschwerk in der Wiederholung wieder gutgemacht hat. Alle Fragen und Antworten hatte er schön auswendig gewußt wie eine Zaubermaschine. Denn die Staatsprüfung muß ja sein für einen Arzt, damit er den Schnupfen sehen kann und den Husten. Nun war er Arzt, unser Charles, und seine Frau Mutter hatte ein scharfes Auge gehabt, wo wann ein anderer starb und seinen Kittel abgab. In Tostes war es dann soweit gekommen für ihn. Aber jetzt suchte ihm seine Frau Mutter noch eine richtige Frau mit handfesten Brüsten, damit er auch Gutes zu essen bekommt und einen warmen, gemütlichen Magen. Die Witwe eines hohen Gerichtsbeamten in Dieppe war gerade frei geworden, fünfundvierzig Jahre schon und mit so vielen Pickeln im Gesicht, als wäre sie der leibhaftige Frühling gewesen. Auch hatte sie vorstehende Zähne wie beim alten Guérin seine Stute, und so dürr in der Schulter, wie als wäre sie Spaltholz. Ich dachte so heimlich, da hätte er auch mich nehmen gekonnt samt meinem ausgestopften Papagei im Gepäck. Aber die Witwe war reich, und das sind ja Gründe. Denn in der Tatsache noch mußte seine Frau Mutter Rivalen abschalten, damit ihr lieber Sohn sie erwischt. Selbst noch mit einem Schweineschlächter, der unterirdisch mit dem Herrn Pfarrer so Sachen machte, wurde sie fertig. Sie gingen dann also ganz schrecklich hin zur Hochzeit, aber bei Kasse. Ich hatte die Schleppe zu halten und dann auch in den neuen jungen Haushalt zu gehen als Mitgiftgeschenk des Charles Bovary seinen Vater. Nur ein Jahr darauf aber kippte die Witwe am Wäscheboden über den Trog, erbrach sich das Blut und war gleich nie mehr gesehen. »Ach, mein Gott!« soll sie noch gesagt haben, »ach, mein Gott!«, und das war schon ihr Leben. Bis es dann hat gegeben die zweite Wendung im Schicksal und Charles die schöne Emma Rouault kennenlernte, die ihn hat auch haben gewollt, weil der Vater viel krank gewesen ist und des Bovary seinen Arztberuf gut gebrauchen konnte. Das Leben ist ja teuer und schwer, wenn es sich nicht mit Gesundheit über die Jahre bringt. Und wie stolz unser Charles war vor dem Herrn Pfarrer zur Feier, das möchten Sie glauben.

(Félicité ordnet sich ein zweites Mal die Kleidung und geht seitlich über die Vorderbühne ab, wie sie gekommen war. Vorhang auf und Licht in die Totale)