Deckblatt Steinzeit

Steinzeit. Lustspiel.

UA: Staatstheater Darmstadt 1999
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999
es 2151, 152 Seiten, DM 16,80
ISBN 3-518-12151-0

Auszug aus: Steinzeit. Lustspiel. 1. Akt. Vorspiel, 1. Bild.

(Elvira, Herbert und Emmi – eine Puppe im Rollstuhl – sitzen an einer Kaffeetafel vor dem Swimmingpool. Elvira und Herbert an der jeweiligen Stirnseite, Emmi in der Mitte des Tisches und mit Blick zum Publikum. Herbert, der ungepflegt aussieht, liest Zeitung. Die elegant gekleidete Elvira sitzt etwas abgewandt von Herbert und Emmi, damit beschäftigt, kleine Steine in das leere Becken zu werfen. Schlagen sie am Beckenboden auf, ist ein Ton zu hören, der elektronisch leicht verstärkt werden soll und ein schwaches Echo ergibt. Diese Szene hält etwa 30 Sekunden an. Dann wendet sich Elvira Herbert zu.)

I
Elvira: Hörst du es? 
(Nach einer Pause) 
Elvira: Wie es einen leisen Knacks gibt? 
(Nach einer Pause) 
Elvira: Einen schrillen, unheimlichen Ton? 
(Nach einer Pause) 
Elvira: Wenn die Steine auf den Betonboden fallen? 
(Nach einer Pause) 
Elvira: Wie der Ton nachklingt? 
(Nach einer Pause) 
Elvira: Sich festsetzt im Kopf? 
(Nach einer Pause) 
Elvira: Den gesamten Körper erfaßt? 
(Nach einer Pause)
Elvira: Ihn peitscht? 
(Nach einer Pause)
Herbert: Und quält. 
(Nach einer Pause)
Elvira: Und quält? 
(Nach einer Pause)
Herbert: Und peitscht. 
(Nach einer Pause)
Elvira: Als wäre er nichts als faulendes Fleisch?
(Nach einer Pause)
Herbert: Nichts als faulendes Fleisch. 
(Nach einer Pause)
Elvira: Ein Sack Dreck? 
Herbert: Ein Sack Dreck.   
Elvira: Unser Leben?
Herbert: Ja.
Elvira: Ein Sack Dreck?
Herbert: Ja.  
Elvira: Wo schon die Maden herumgehn?
Herbert: Ja.  
Elvira: Und dieser Ton?
Herbert: Ja.
Elvira: Wie er triumphiert über uns?
Herbert: Ja.
Elvira: Uns lächerlich macht?
Herbert: Ja.
Elvira: Und beherrscht?
Herbert: Ja.
(Nach einer Pause) 
Elvira: Wo waren wir stehengeblieben?
Herbert: Ich erinnere mich nicht.

2. Akt. Finale, 3. Bild.

XI
(…) (Dr. Freudenstein hält das Hirn gegen das Licht und betrachtet es aufmerksam) Sage sie offen, woran sie denkt in Anbetracht dieses unseligen wabernden Haufens? (Anna übergibt sich abermals) Ja, ja, die gute Anna. Kann keine Hirnmasse sehen. Es macht sie mir sympathisch, ihre Unaufgeklärtheit, ihr romantisches Verhältnis zur reinen Natur. Hier, Anna, in diesen Furchen und Schichten ist alles codiert, was der Mensch ist… seit zehntausend Jahren… und länger. Alle Leidenschaften, Lieben, Zerwürfnisse, alle Irrtümer und Kriege, alle Hoffnungen und alle Hinfälligkeiten, die Sprachen der Dichter und die Sprachen der Philosophen und die Sprachen der Wissenschaftler, alle Metamorphosen und Transformationen, alle Progressionen und Regressionen… haben hier ihren Sitz, ihren Computer, ihre Maschine. Die arme Jana, sie ist jetzt eine Hündin, weil es in diesem feinen Apparat… nicht funktioniert hat.
Anna: (Laut) Ja-na! Ja-na!!
Jana: (Laut) An-na! Mut-ter!!
Dr. Freudenstein: (Wirft das Hirn Jana vor die Füße) Nun, wollen wir einmal nicht hysterisch werden vor der Natur, Anna. Gib sie mir noch einmal Zellstoff, bitte, (Anna reicht Dr. Freudenstein Zellstoff) damit wir unseren edlen Hochkulturkörper wieder schön haben. Ist ja eh gleich, was da drin ist in diesem Topf, wenn er nur wieder nach etwas aussieht. Das hatte ja schon Wittgenstein vermutet…, Anna kennt ihn? Nein? Daß da vielleicht nur Sägespäne im Kopf sind. So…, und so…, okay. Jetzt setzen wir unserem Liebling seine Mütze…, also das Schädeldach…, wieder auf…, ziehen die Kopfschwarte ordentlich… zurück… und nähen sie… an der Nackenhaut… fest. So. Die Arbeit eines Friseurs sozusagen, seine Gesellenprüfung. Jetzt kämmen wir noch die Haare, daß wieder etwas Tolle hineinkommt..., spülen die ganze Chose..., haben wir denn keine Brause, Anna? Anna: Defekt, der Herr Dr. Freudenstein. Das mit dem Wasser und dem Swimmingpool, wie soll ich sagen, (ruft zu Elvira und Herbert) Elvira! Herbert! (bekommt keine Antwort) funktioniert nicht. (Nimmt abermals den Staubwedel und wedelt damit am Swimmingpool entlang) Unser kleiner, einsamer Kaspar!
Dr. Freudenstein: Dann bleibt es eben in seinem Dreck, dieses Jahrhundert.

XII
(Glocken läuten, übergangslos grelles Licht und laute Disco-Musik. Alle tanzen wild und ausgelassen durcheinander, Ballons steigen auf, Papierschlangen werden geworfen und Knallkörper explodieren. Das Fest geht von der Bühne in den Zuschauerraum über. Dann fällt, eher beiläufig, der Vorhang. Auf einer Leinwand, die in gleicher Weise wie am Ende des 1. Aktes vom Schnürboden herabgelassen wurde, wird abermals das Wort PAUSE projiziert. Der Vorhang darf sich nicht wieder öffnen, die Schauspieler treten, da das Stück imaginär weiterläuft, nicht noch einmal auf, um den Applaus entgegenzunehmen. Zumindest muß die Irritation im Publikum abgewartet werden, ehe der obligatorische Abgang erfolgt)