Deckblatt Steinzeit

Steinzeit. Lustspiel.

UA: Staatstheater Darmstadt 1999
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999
es 2151, 152 Seiten, DM 16,80
ISBN 3-518-12151-0

» – ›Irritation herzustellen als eine konsequente Folge von Enttäuschung‹, fordert der Autor in einer langen einleitenden Regieanweisung zu seinem Lustspiel. Drawerts zweites Stück (…) schlägt im neuen deutschen Drama einen ganz eigenen Weg ein. Zwar handelt es sich unter anderem, wie viele andere Stücke der neunziger Jahre, auch um eine Familienfarce, doch greift sie nach mehr, als nur einen schmutzigen kleinen Ausschnitt aus einer schmutzigen kleinen Welt zu liefern. „Steinzeit“ bedient sich der Konkretheit der neonaturalistischen Stücke, um damit eine hohe Metapher für eine sozialpsychologische Diagnose zu schaffen, wie sie andererseits als Technik der Überhöhung aus dem poetischen Drama von heute bekannt ist.«

Aus: »Darmstadt. Pathologie 1999: Steinzeit. Lustspiel von Kurt Drawert« von Thomas Irmer, Theater der Zeit, Nr. 5/1999

» - ›Steinzeit‹ heißt das Lustspiel von Kurt Drawert, das einerseits mit handfesten, zuweilen recht schrillen Slapstick-Elementen operiert und andererseits in jede Szene doppelte Böden einbaut. (…) Seine bitterböse Komödie hat Kurt Drawert umgeben mit kurzen, sehr dichten Prosastücken. In ihrer monologischen Insistenz wirken sie wie Blöcke, die das Gerede der Figuren aus „Steinzeit“ einrahmen und sich davor abschotten. Es sind erinnerte Augenblicke der Angst vor Macht und Gewalt, und das Gefühl der Ohnmacht scheint jedesmal untrennbar verbunden mit einem Mißtrauen gegenüber vorschnellen Gewißheiten, allen überlieferten Hilfeversprechen. Während Elvira Huhn im Stück einen Zauberkünstler engagiert, der über die häuslichen Kalamitäten hinwegtäuschen soll, sind hier die Figuren ganz bei sich, ganz darauf bedacht, ihrer Not durch unverwandtes Erzählen beizukommen.«

Aus: »Aus den Fugen geraten. Kurt Drawerts Steinzeit« von Martin Zingg, Neue Zürcher Zeitung, 29.3.2000

»Manchmal denkt man, daß unter all dem Literaturgetöse (…) die leisen Töne ins Unhörbare wispern; ungehört bleiben. Glücklicherweise ist Suhrkamp mutig genug, sich dem nicht zu fügen. Der schmale Band Steinzeit von Kurt Drawert ist solch ein Zeugnis ganz und gar erregender Begabung, einer Sprachmacht, die kaum zu erklären ist. Allein über Drawerts zwei ›Haupt-Worte‹, Stürzen und Abgrund, ließe sich ein Essay schreiben. Dieser 43-jährige ist nicht etwa virtuos, sondern finster, seine Bilder sinken in unser (Unter)-Bewußtsein ein wie die Nachtsonnen Max Ernsts, die zerschnittenen Alpträume Magrittes. Die Prosatexte des Buches, erbarmungslos kurz, doch von einem unendlichen, eisigen Atem, wird man so leicht nicht abschütteln können; einen ›Inhalt‹ haben sie nicht, sowenig wie Gottfried Benns Gedichte (…). Kurt Drawert ist ein Wortmagnetiseur, er taucht den Leser in eine Fabel-Schwärze, in der man tastet und riecht und schmeckt, umherirrt, sich und den Weg verliert, aber eines wahrnimmt: existentielle Not. So schauerlich, so schön, so verfolgend wie Munchs Schrei. Wobei ein zweiter Essay zu ergründen hätte, wie tief eingesunken in Drawerts Gedächtnis-Moor seine DDR-Erfahrung ist – verglichen mit diesen Texten ist das meiste, was über dieses vergiftete Paradies geschrieben wurde, Papperlapapp; weswegen Drawerts jüngster Essay über Günter Kunert so meisterhaft war.«

Fritz J. Raddatz in DIE ZEIT, 13.1.2000