»Uwe-Johnson-Preis«, Neubrandenburg 1994

für: »Spiegelland. Ein deutscher Monolog.«, edition suhrkamp 1715,
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1992

Laudator: Fritz J. Raddatz

Begründung der Jury

»In seinem ersten Prosawerk erkundet der Autor durch eine kunstvolle Mischung von Erzählung und Reflexion seine eigene DDR-Geschichte und die der untergegangenen DDR. Dadurch verhilft sein Monolog dem Vergangenen zur Gegenwärtigkeit – vor allem in seiner Auseinandersetzung mit der Biographien bestimmenden deformierten Sprache. Auf diese Weise eignet Kurt Drawerts ›Spiegelland‹, indem es von einer vergangenen, aber noch längst nicht überwundenen Zeit erzählt, eine der für Uwe Johnson wichtigsten Dimension des Erzählens – die des Erinnerns.«

Die Abschaffung der Wirklichkeit

Rede zur Verleihung des ersten Uwe-Johnson-Preises 1994

Sehr verehrte Damen und Herren,

… je länger ich zu überlegen gehabt habe, was ich jetzt, aus Anlaß der Verleihung des 1. Uwe-Johnson-Preises, sagen würde, je mehr fiel mir ein und je ratloser wurde ich in der Auswahl aller möglicher Gedanken. Ein Begriff aber, der gut in einem Zusammenhang mit Uwe Johnson zu gebrauchen ist, ist der der Heimatlosigkeit. Ich denke, daß das Gefühl, in einer Fremde zu sein, von Fremde umgeben zu sein und in eine Fremde hinein zu sprechen, für Johnson dominierend war und sein Werk sämtlich durchzieht. Nicht umsonst kommt er immer wieder auf die Landschaft seiner Kindheit zurück, und nicht umsonst bleibt er den Personen, die in seine Literatur geraten sind, von Buch zu Buch treu, so als müßten sie mit ihm altern und sterben. Es mag dies die Illusionierung gewesen sein, einen Ort in Wahrheit nicht verlassen zu haben und sich nurmehr auf einer langen Wanderschaft zu befinden, an deren Ende die Heimkehr steht. Das Motiv ist so alt wie die Menschheit. Und tatsächlich bringt Johnson den Satz zustande: »Da ist er am Ende lieber zurückgegangen in das Elend der Heimat, weil es die Heimat war.« Hier brach eine Sehnsucht in ihm durch, und es war wohl sein Glück, klüger als diese Sehnsucht gewesen zu sein. Denn Johnson ging natürlich nicht zurück, dorthin, wo er auch ein Fremder war, ein Verschollener, und manchen ein Überläufer und Verräter. Natürlich wußte er, daß wir immer in das Abwesende verliebt sind, in das Andere, in das, was man gerade nicht zum Greifen nah hat. Und natürlich wußte er auch, daß Heimat eine Einbildung ist, ein Zurückkommenwollen in ein Gefühl, das sich mit einer Landschaft und einem Ort und einem Namen verbindet und das verlischt, sobald man diesen Boden tatsächlich betritt.

… Und doch muß es ein Wort geben, daß mehr ist als Herkunft und dennoch nicht in die Falle der Sehnsüchte geht und Heimat heißt und den Sprechenden betrügt.

… Nach einem solchen Wort habe ich gesucht, als ich von Sachsen nach Niedersachsen kam. Und ich habe es ebenso nicht gefunden. Die »Begleitumstände« meines Wechsels der Perspektive haben mit den Johnsonschen »Begleitumständen« schon einiges zu tun, auch in ihrer Nachträglichkeit von 30 Jahren. Und in gewisser Weise war ich selbst überrascht, als ich in der Distanz herauszubekommen hatte, wie tief die Verletzungen auf dem Grunde der Erinnerung waren, die genau dann zur Aktualisierung kamen, als sich das kleine, hinfällige Land an seine Entsorgung gemacht hat und wie Wasser im Abfluß eines Spülbeckens verschwand. Alle waren sie plötzlich weg, die man noch hätte fragen können oder denen man noch etwas zu sagen gehabt hätte. Aber sie waren nicht etwa weg, sondern sie waren hinter Hunderten von anderen Meinungen verschwunden, und die Transparente hingen verwaist an den zerfallenen Wänden der Häuser, wie von keiner Menschenhand gemacht. Diese Flucht war es, die in der Sprache stattfand, die ich als unerträglich empfand. Dieser eilige Sprung auf ein anderes Pferd, das schon gesattelt auf der anderen Weltseite stand. Jeder war mit seiner Geschichte von nun an allein, und auch ich wollte mit meiner Geschichte von nun an allein sein. Daß ich sie aufzuschreiben begann, hat mir bislang Ärger gerade dort eingebracht, wo sie hingehörte, erzählt zu werden,

… denn das Land hat sich in einer Schweigensverabredung von sich selber getrennt, es hat sich, in dieser Verabredung, seine Wiedergeburt reserviert, und es wird, als Mythos von sich, wieder geboren sein, oder es ist schon, als Mythos, geboren, neben uns auf dem Boden, auf dem wir jetzt gehen.

… Und in gewisser Weise ist mir das Land, heute, wo es mir in den Gedanken erscheint, gerade in seiner Abwesenheit, in seiner Verlorenheit, real. Als ich in ihm lebte, war es mir immer sehr unwirklich erschienen. Dieses übergangslose Ineinanderfallen von Bildern, Stimmen und Szenen, wie wir es in Johnsons »Mutmaßungen über Jakob« finden, diese raschen Wechsel der Orte des Sprechens, die die Figuren immer ein wenig langsamer sein läßt als das, was mit ihnen geschieht, so als müßten sie durch einen weiten, undurchdringlichen Nebel hindurch und als agierten sie in einem Szenario der Träume …, das hält sehr viel davon fest, was ich mit Unwirklichkeit meine. Dieses Gefühl von Unwirklichkeit hat seinen Grund darin gehabt, daß die Wirklichkeit eine abgeschaffte Wirklichkeit war. Gewiß ist die Abschaffung der Wirklichkeit auch ein westliches Problem. Aber bei aller medialer Vermitteltheit und Virtualität, wie wir sie heute erleben und wie sie doch auch ihre Widerstände und Gegenkräfte hat, ist das Reale den Systemen des Ostens ein größeres Problem gewesen. Genauer: das Reale war ihr eigentliches Problem.

… Die Idee von der Erlösung, die diese Systeme getragen hat und die gewiß auch ein säkularisiertes Christentum markierte, diese Idee hat bewirkt, das Reale immer aus dem Abstand des Anspruchs an das Reale zu sehen und zu bewerten. Also das, was das System von sich wahrnahm, war nicht, was es vorfand, sondern was es über sich dachte. Es definierte sich von seinen Zielvorstellungen her, wodurch jede Kontrolle über sich selbst als eine ökonomische Gestalt verlorengegangen war und mit ihr alle sinnvollen Bezüge zwischen Handeln und Sprechen. Überträgt man diese Wahrnehmungsdefekte auf einen einzelnen Menschen, kann man die Jahre zählen, bis er verrückt wird. Dieses auf den Kopf gestellte Verhältnis von Wirklichkeit und Ideal, dieser permanente Blick auf das Leben aus der Perspektive einer angenommenen Vollkommenheit, die dem Tod so sehr gleichkommt, hat nun das Reale in Irrealitäten gebracht und das Irreale real werden lassen. Die Mauer war das passende Symbol; sie hat bedeutet, daß zwei Wirklichkeiten getrennt worden sind und daß vor ihr und im Einschluß eines Systems eine andere Zeitenrechnung und eine andere Richtung und Geschwindigkeit von Geschichte existiert; sie hat bedeutet, daß die Idee eine praktische Verwaltung gefunden hat. Die Verwalter selbst waren damit in die Nähe von Gott aufgestiegen, ausgestattet mit der absoluten Wahrheit und angetreten, die Welt nach ihrem Wissen von Wahrheit zu ordnen. Eine gründlichere Abschaffung von Wirklichkeit ist kaum denkbar, und das Bild vom Menschen, das damit entstanden war, hatte mit seinen Möglichkeiten nichts mehr zu tun.

… Zum Beispiel erinnere ich mich, daß von einer psychotherapeutischen Einrichtung das Schild, auf dem »Psychotherapie« stand, immer dann abmontiert werden mußte, sobald eine Staatsdelegation, die im gegenüberliegenden Haus ihre Unterkunft hatte, angekündigt war. So hatte jeder wissen müssen, der sich hier behandeln ließ, daß er im Grunde nicht vorkommen durfte und daß es eines schon komplizenhaften Abkommens mit der Ärzteschaft bedurfte, der somatisch gewordenen Stummheit, die die Stummheit des Landes war, ein paar Worte zu geben. »Alles so Sachen«, kann man mit Johnson sagen, »die einem kein Film mehr anbieten darf wegen Albernheit«. Wer also diese Anstalt mit ihrem kompromittierenden Namen wieder verließ, wußte, daß er ein Geheimnis zu wahren hatte, wenn er etwas mitnahm, was begrifflich geworden war.

… Wie aber konnte sich der einzelne in seiner Realität legitimieren, wenn ihm keine Sprache gegeben war, die auf Realitäten verwies? Die Beobachtung auf die Sprache zu bringen ist deshalb so ergiebig, da in ihr alles schon strukturell vorbereitet und angelegt ist, was auf der Ebene ihres Niveaus zur praktischen Ausführung kommt. Und in ihr war die Wirklichkeit schon eine abgewiesene Wirklichkeit gewesen und hat einen Zugriff auf Wirklichkeit weitestgehend verhindert. Es war nicht immer die Scheu vor dem Konflikt, die zur Handlungsarmut führte: es war schon auch das Verschwinden des Konfliktes in der Sprache, das ihn unlösbar werden ließ und ins Körperliche abschob. Nur was in der Sprache zugelassen ist, ist zugelassen, verändert zu werden, und so war die mangelnde Statthaftigkeit der Sprache als eine Verhinderung von Gedanken der entschiedenste Einschnitt ins Innere des Menschen und seine entschiedenste Beschädigung zugleich.

… Denn die Wirklichkeit hatte abgeschafft sein müssen, um die Idee von Wirklichkeit als eine herrschende Idee zu behaupten.

… Das, möchte ich sagen, ist die Grunderfahrung, die mir meine Herkunft vermacht hat. Die Situation, in die ich mich hineingeworfen fand, war die, von einer Sprache umgeben zu sein, in der von vornherein feststand, wer mit welcher Aussage und in aller Unumstößlichkeit im Recht war und wer mit welcher Aussage und in aller Unumstößlichkeit nicht im Recht war. Und nicht im Recht konnte sein, wer die Voraussetzungen der Sprache in Zweifel gezogen hat, um für sich Voraussetzungen des Sprechens zu schaffen. Diese Sprache mit ihren verhinderten Bedingungen des Sprechens ist demnach ausschließlich eine Herrschaftssprache gewesen und nur im Sinne eines Herrschaftsverhältnisses zu gebrauchen gewesen. Sie hat ihrer Gliederung nach nur Ein- oder Ausschluß gekannt. Und er, der sich dieser Sprache zu entziehen versuchte, ist der Gefährdete gewesen, das Sorgenkind, der Sitzenbleiber, der schon etwas von einer Krankheit im Blick gehabt hat und dessen schwerer, gedrückter Gang allen zeigte, daß er so richtig keinen Fuß auf diesen Boden bekommt. Er war, um ein Bild meines Lehrers zu gebrauchen, der, den man zur Spreu warf. Sein Vergehen ist seine Skepsis gewesen und seine störende Nachfragerei, die nur von schlechter Lektüre herrühren konnte, wie sie offensichtlich über geheime Kanäle herübergekommen war. Noch hing er an einem seidenen Faden in einer allerletzten Masche, aber der sehr ungleiche Kampf, der immer auch auf die Bedingungen der Sprache und des Sprechens zurückkam, war bereits verlorengegangen, nur er wußte es noch nicht. Er wußte es, als er in die Hilfsarbeiterschaft geraten war und Tüten klebte oder Holzspäne fuhr, und er wußte, daß es für ihn aus war in aller Regel.

… Mit dem Wort »Opfer« kann ich nicht umgehen, aber es müssen nicht wenige sein, deren Leben mehr oder weniger in die Brüche gegangen ist. In meinen frühen Jahren, die ich selbst in Hilfsarbeiterschaften verbrachte, habe ich diese Menschen zu Dutzenden getroffen, deren hauptsächliches Vergehen es war, gezweifelt zu haben. Und zu Dutzenden habe ich sie scheitern und zugrunde gehen sehen in den Dunkelheiten einer Fabrik, und nicht selten sind es die begabstesten und intelligentesten gewesen. Bei ihnen habe ich alles gelernt, was ich später für mein Leben gebrauchen konnte, und aus ihrer Perspektive sah ich die kleine, verlogene Welt. Ihre Geschichte zu erzählen hieße dabei nicht, die Geschichte einer Opposition zu erzählen. Das übernehmen andere tausendfach allerorten, und wir wissen ja heute, daß das ganze winzige Land eine einzige Opposition gegen sich selbst war. Es wäre die Geschichte einer stillen, subversiven Stimme, die dem einzelnen, von dem ich hier spreche, sehr sicher gesagt hat, was und was nicht möglich für ihn war; einer Stimme, die hier nicht zum Heldentum taugte und dort nicht zum Verrat.

… »Die Toten«, schreibt Johnson, »haben ein Recht auf die Wahrheit ihres Todes«. Der Satz ist schön, nur ich fürchte, er stimmt nicht. Denn die Toten haben kein Recht vor den Lebenden, weil sie tot sind und weil die Geschichte immer die Geschichte der Lebenden ist. Aber in dieser ihrer Rechtlosigkeit ist auch eine heimliche Rache verborgen: daß sie die Lebenden zu beschäftigen haben.

… Aber auch ihre Rache ist schwierig, denn sie beschäftigt immer die Falschen. Die, die sie zu beschäftigen hätte, zeigen sich in ganzer Krisenunfähigkeit und Abwehr von Schuld. Sie haben sich lange schon aus einem Hochmut und aus einem Mangel an Selbstzweifel ihre Stärke geformt, und sie haben reden, nicht aber zuhören gelernt. Diese ihre Stärke aber ist ihre Krankheit, und die Krankheit ist die Verweigerung von Krankheit. Denn der Körper ist ihnen der Feind, wie das Reale der Feind ist, und in der Überwindung des Körpers liegt für sie das Geheimnis der Ewigkeit verborgen und die Chiffre der Macht. Das ist die Diktatur in ihrer Urform, und sie mit guten Absichten außer Kraft setzen zu wollen, leugnete die inneren Bedingungen, unter denen sie steht und hieße schließlich, sie zu adoptieren.

… Das Symptom wäre das Gute gewesen, der mögliche Ort des Gespräches, aber es wäre auch das Ende eines Anspruchs gewesen, der eine kranke Option hat und eine kranke und krankmachende Stabilität.

… Je mehr ich über die Vergangenheit nachdenke, je größer wird die Furcht, daß mich die Erinnerung täuscht. An manchen Tagen bin ich mir nicht einmal mehr sicher, daß etwas stattgefunden hat bis heute. Es kommt sogar vor, daß ich in meinen eigenen Büchern zu blättern beginne, um nachzulesen, daß es mich in einem Zusammenhang mit den Orten meiner Herkunft gab. Dann lese ich Verse wieder, die ich schon vor Jahren geschrieben habe:

… doch
es muß auch eine Hinterlassenschaft geben,
die die Geschichte des Körpers,
auf die ich selbst einmal, denn das Vergessen
wird über die Erinnerung herrschen,
zurückgreifen kann wie auf eine Sammlung
fotografierten Empfindens, und die die Geschichte,
denn das innere Land
wird eine verfallene Burg sein
und keinen Namen mehr haben und betreten sein
von dir als einem Fremden
mit anderer Sprache, erklärt.

Und jetzt danke ich Ihnen, die Sie alle am Zustandekommen dieses Anlasses mitgewirkt haben, der ganz Uwe Johnson gehört, eines Autors, der wie kaum ein zweiter die inneren Befindlichkeiten dieses nur noch im Geschichtsbuch vorkommenden Landes festgehalten hat. Und ich danke Ihnen, daß sie meine Arbeit in seinem Namen würdigen wollen.