Deckblatt Haus ohne Menschen

Haus ohne Menschen. Zeitmitschriften

Essays
Suhrkamp Verlag 1993
es 1831, 120 Seiten, DM 14,80
ISBN 3-518-11831-5

Auszug aus: Haus ohne Menschen. Ein Zustand.

… auflösen, wegwerfen, vernichten, verbrennen. Plötzlich war alles nur noch eine Frage des Loswerdens geworden, der Entsorgung, wie man jetzt sagt, der Entsorgung von Jahren …, beschädigte Jahre und vielleicht schon verloren, als es sie gab, mit dem schönen Stillstand der Zeit in den Briefen, in denen man seinen Körper, und wie er am Leben geblieben war, beschrieb, und mit der Empfindung für etwas, das man nicht kannte und das sich seine Wörter erfand …, und es war die Sonne, immer matt und verhangen im Dunst, stehengeblieben über dem Dachfirst des gegenüber anders sterbenden Hauses mit seinen fröhlichen Tauben …, und es hatte die mürbe, sinnlose Sonne diesen Ort nie erreicht, der ein Verlorenheitsort war zwischen all den anderen Verlorenheitsorten, die keinen Namen mehr haben und in keiner traumlosen Stunde der Nacht die Erinnerung streifen und ausgelöscht sind, eingeebnet, als wären sie nichts als der Staub abgeriebener Kreide gewesen, wie er unter der Holztafel lag und an den Schuhsohlen klebte und zur Schmutzspur auf den Fußböden der Schulzimmer wurde …, und diese Spuren waren schon Boten des Scheiterns, das die Schrift gebracht hat hoch oben weiß auf schwarzem Grund …, und es war dieser Schulzimmerstaub schon die Wahrheit vor der Leere der Sätze, die wir auswendig lernten an langen, schmutzigen Spätsommertagen auf den kalten, verlassenen Bänken am Rande der Städte. Der Staub, wie er für Augenblicke noch leicht in der Luft lag und zu sehen war im gebrochenen Licht, das, wie ein Geheimnis der Ferne, durch die Schräge aufgekippter Dachlukenfenster hereinbrach in die Dumpfheit des Unterrichtszimmers. Und es war, als erzählte der Staub, ehe er sich niedersenkte zur Erde wie Schnee, schon die Geschichte der Zukunft, die nun, in ihrem schwarzen Finale, eine Geschichte ohne uns ist. Aber uns waren die Zeichen damals nicht lesbar, aber es kann auch eine Ahnung in uns gewesen sein, aber dieser Staub nun war Schmutz, und die Sätze hoch oben weiß auf schwarzem Grund haben ihre Wahrheit erreicht, die nichts als die Auflösung ist, wo sie das Paradies werden sollte. Die Ideen sind erfüllt, erfüllt und vollendet …, vollendet im Schmutz, wie er von der Straße durch die undichten, vom Außenrahmen nach innen voranfaulenden Fenster dringt und sich auf den Gegenständen festgesetzt hat als eine schmierige, mit allen Ausdünstungen der Stadt und des restlichen halben Lebens dieser Stadt vermischte, graugelbe Substanz. (…) Und das plötzlich hochmütig gewordene Aristokratenproletariat hat auf seine Weise ganz recht, jeden Kontakt mit der Herkunft des Körpers des Landes und seiner Sprache zu verweigern und die eigenen Hervorbringungen, wenn überhaupt, nur noch mit erhobenem Kopf und spitzen Fingern vom Boden zu heben. Alles, was war, gewesen ist, hat seine Zugehörigkeit und Abkommenschaft verloren, und niemand, heute, hat noch irgend etwas, im Schutt der verbrauchten Bilder, zu finden, was es, für ihn, verdient hätte, gefunden zu werden, bewahrt und sprechend bewegt zu werden, und so wird alles, von nun an, sprechend in Vergessenheit geraten, um so, sprechend, von Anderem zu berichten und das Werk endlosen Erfindens, von nun an, zu beginnen, und ich bin ganz ohne Zuneigung für alles, was zu erwarten sein wird, was mich umgibt, was mich umgeben hat, was zu mir gesprochen hat und was zu mir spricht. Es sind Lügenapparaturen, installiert an den gleichen inneren Orten von gestern und eingegangen ins Fleisch vieler dieser Menschen, und so sind die Körper von Lüge durchzogene Körper, und so wird das Gedächtnis eine öde, eingeäscherte und begriffslose Landschaft sein und den Grundriß abgeben und das Bauland für eine nächste erbarmungslose, zerstörerische Utopie. Und jede Utopie ist eine zerstörerische und leugnet die Realitäten und bereitet die Abgründe auf, die durch Leugnung sich auftun und sich aufgetan haben und nichts außer kranke und krankmachende Verhältnisse produzieren und produziert haben. (…) Und ich werde, von hier aus, von diesem Ort aus, an dem ich mich nur noch schmutzig machen kann, vom Fenster dieses Raumes aus werde ich es noch zu sehen bekommen, wie die Parthe an dem Dreck ersticken und ins schöne Erdreich absickern wird.