Deckblatt Schreiben. Vom Leben der Texte

Schreiben. Vom Leben der Texte

Monographie
Verlag C. H. Beck, München 2012
288 Seiten, gebunden, EUR 19,95
ISBN 978 3 406 63945 6
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Inhalt

Kommen und Gehen (I)

I. TEIL: BEDINGUNGEN 

	0. Vorbereitung. Anfänge.

	1. Lesung: Der Andere. Das Andere.
		Das starke Subjekt und das schwache
		Die ersten Formen der Spaltung

	2. Lesung: Der Text für sich. Die Stimme der Mutter.
		Subversionen der Arie
		Den richtigen Ton finden

	3. Lesung: Ahnungen. Zwischentexte.
		Gedächtnis und Erinnerung
		Männliche und weibliche Texte
		Was heißt »verstehen«? 

	4. Lesung: Masken. Spiele. Triebstrukturen.
		Mythische Bildungen: Der »stehende Text«
		Die Sprache streikt: Blockaden 
		Die poetische und die pathologische Metapher	         

	5. Lesung: Schreiben ist physisches Tun ganz unmittelbar
		Handschriftlichkeit und Digitalschrift
		Der entrissene Text. Internetmodus.
		Soziale Auskoppelungen. Idiosynkrasie.
		Psychose und Produktion

II. TEIL: BILDUNGEN

	6. Lesung: Sphären (I): Literaturbildungsprozesse
		Erfolge gibt es keine. Aber gute Autoren. 
		Gegenpole
		Tagebücher
		Briefe 
		Was ist Kitsch? Eine Körperverletzung.
		Jurys
		Textwerkstätten
		Therapeutische Initiationen 
		Die literarische Kritik 
		Das Buch ist eine Meinung zum Text

	7. Lesung: Sphären (II): Die Verpflichtung zur Lust
		Der Text und die Stimme. Konstative und Performative.
		Die öffentliche Lesung. Zeremonien. 
		Ein Schauspieler liest
		Der Autor liest 
		Gut lesen oder schlecht. Gern oder gar nicht.
		Noch einmal Kleist
		Metaphern der Bühne 
		Ich ist nicht Ich. Formen der Selbstverwaltung. 

III. TEIL: TECHNIKEN

	8. Lesung: Struktur und Ornament. Zur Rhetorik der Zeichen.		
		Sprechakte. Interjektionen.
		Die Rhetorik der Zeichen
		Vom Rhythmus
		Metaphern (II) 
		Ironie					   
		Pathos
		Klischees 

	9. Lesung: Orte der Prosa. Die Zeit und der Blick.
		Standorte des Erzählens
		Erzählperspektiven
		Der auktoriale Erzähler
		Der Ich-Erzähler
		Der personale Erzähler
		Der neutrale Erzähler
		Erzählte Zeit. Zeit des Erzählens.
		Erzählmuster

	10. Lesung: Orte der Lyrik. Strahlkraft der Worte.
		Die Dominanz der Hypertexte
		Jakobson und Mukařovský: Die Prager Schule
		Saussure und Bühler: Zwei Modelle
		Wie Gedichte entstehen
		Poesie und Religiosität
		Klopstock
		Reform und Verfall: Der freie Vers
		Die Rückkehr der Mutter
		Dispersionen der lyrischen Rede
		Parallelismus
		Die Macht der Reime
		Metaphern (III) 

		Kommen und Gehen (II)
		Wortregister
		Literaturregister 
		Namensregister

Kommen und Gehen (I)

Bei Lacan habe ich einen Satz gefunden, der mein Anliegen, über das Schreiben zu schreiben, fast buchstäblich zum Ausdruck bringt: »Liebe ist, wenn man gibt, was man nicht hat.« Dieser Satz bezeichnet ein Paradoxon und ist zugleich eine Aufforderung, es anzuerkennen und sich einzulassen darauf. Mit anderen Worten: Das Unmögliche zu verschenken, ist das Mögliche dessen, der liebt. Wie nun ließe sich besser erklären, worum es mir in diesem Buch geht – nur eben bezogen auf die Literatur, die genau dort ihren Platz hat, wo sie etwas dauerhaft Abwesendes mit Sprache durchdringt und damit auch vorstellbar macht. Mein Text zu diesem schier unendlichen Thema bewegt sich in Form einer Terzine. Das hat sich aus dem Material so ergeben. Die Motive, die sich wiederholen, sind jedoch nie Wiederholung an sich, sondern Übergänge in einen anderen, neuen Verlauf. Genau das regelt die Terzine auch: sie kehrt in ihrer Verpflichtung zum Reim immer auf den zweiten Vers der letzten Strophe zurück, um dann zwei Verse voranzukommen. Ihre Langsamkeit wird so zur Genauigkeit des Denkens, das seinen Abschluss oft erst in einer Parallelfigur findet. Das gefällt mir gut. Ebenso gefällt mir, mich in Begriffen zu bewegen, die schon festgelegt und eingeführt sind. Es erspart Zeit. Außerdem sind sie aus ihren jeweiligen Denksystemen nicht beliebig und ohne Verlust an Verständlichkeit und Sinn herauszulösen. Ich werde sie, wo ich sie als bekannt nicht voraussetzen darf, erläutern, zumal ihre Verwendungen auch in der enzyklopädischen Literatur nicht einheitlich geregelt sind und entsprechend kommentiert werden sollten. Die Markierung (*) hinter dem betreffenden Wort signalisiert den Kommentar, der sich im Wortregister am Ende des Buches befindet. Dabei erhebe ich keinen Anspruch auf Geltung und möchte nur, dass ich so verstanden werde, wie ich verstanden habe, was ich erzähle. Ebenso kurz möchte ich die Fußnoten zur verwendeten Literatur halten, die im Literaturregister dann vollständig erscheint. Stehen zwei Jahreszahlen nebeneinander, bezieht sich die erste immer auf die Erstveröffentlichung und die zweite auf die Auflage oder Übersetzung, wie sie mir für meine Arbeit vorgelegen hat. Und nun danke ich allen, die sich mit mir auf einen Weg begeben, der genaugenommen nirgendwo hinführt und schön allein dadurch ist, dass es ihn gibt.

I. Teil
Bedingungen

Vorbereitung. Anfänge.

0.    »Im Anfang war das Wort (…)«. Das, zum Beispiel, ist ein Anfang, wie er besser nicht sein kann. Die Aussage ist performativ, Aufruf und Gegenwart des Aufgerufenen fallen im Sprechakt zusammen. Es gibt nicht einmal ein kurzes zeitliches Nacheinander, wie es das lineare Lesen erzwingt, denn »Im Anfang« (und nicht »Am Anfang«) verweist auf Gleichzeitigkeit von Benennung und Erschaffung. Im selben Moment also, in dem das Wort ausgesprochen wird, ist es Materie und gilt. Zu vergleichen nur noch mit einem Bekenntnis der Liebe während des Liebesvollzugs. Der Einführungssatz (die eröffnete Klammer der Geschichte) ist damit gesetzt.

0.1.  Erste Sätze sind insofern die schwierigsten, als sie eine Begründung zu liefern haben, warum ihnen ein zweiter Satz folgen soll. Dem Verfasser des ersten Satzes ist diese Begründung nicht klar, denn er schreibt vom Ende seiner Geschichte her, von der aus ein Sinn auf den Anfang zurückführt. Das Ende, von dem aus er seinen Anfang setzt, ist nicht das vollendete Ende der Geschichte, aber es ist das Ende seiner Vorstellung von ihr. Ohne auch nur ein Wort schon geschrieben zu haben, liegt sie dem Schreibenden bereit, und er vergisst darüber, dass der Lesende nichts von diesem Vorwissen weiß und mit dem ersten Satz genau darauf gebracht werden will. Denn nicht der Schreibende, sondern der Lesende hat das Problem der Begründung des zweiten durch den ersten Satz. Und wenn sie der erste Satz nicht liefert, fällt das Problem auf den Schreibenden zurück, denn der Lesende hört gleich zu lesen wieder auf und macht etwas anderes.