Deckblatt Das Jahr 2000 findet statt

Das Jahr 2000 findet statt. Schriftsteller im Zeitenwechsel

Essays
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000
es 2136, 180 Seiten, DM 19,80
ISBN 3-518-12136-7

  • Textauszug

Auszug aus: Das Jahr 2000 findet statt von Kurt Drawert

I
Das Jahr 2000, von dem Jean Baudrillard annahm, daß es nicht stattfinden würde: denn »die Geschichte kommt gar nicht mehr dazu, sich abzuspielen, ihre eigene Zweckmäßigkeit in Betracht zu ziehen und von ihrem Ende zu träumen, sie verpufft in ihrer unmittelbaren Wirkung, sie erschöpft sich im Schaueffekt, sie fällt auf sich selbst zurück und implodiert in Aktualität«, … das Jahr 2000, das unsere Interessen und Vorstellungen von Zukunft fast vollständig absorbiert und symbolisch dafür einzustehen scheint, daß die Geschichte gereinigt sein kann von der Last ihrer Vergeblichkeiten und mit einer weißen, neu zu beschriftenden Fläche beginnt, mit einer Generalerneuerung bei ausgelöschtem Gedächtnis und abgetrennter Chronologie, … das kollektiv beschworene, gravitätisch im Kalender vermerkte und besonders zu würdigende Jahr 2000 also wird, anstatt in exotischen Fernen, in derselben Sitzeckengruppe eingeweiht werden wie alle anderen Jahre auch, und es wird gleich ihnen keine Antworten geben. Denn tatsächlich war es nur eine Minutensequenz, die der Zeiger über die Schnittstelle am Zifferblatt sprang, und unaufhaltsam wie die Kontinuität des Alterns wird die Kontinuität der Geschichte sein: nicht immer auf der Seite der Sprache, aber im Fortgang ihrer Verläufe. Wir werden also unerlöst bleiben von Geschichte und davon, in ihr eine Rolle zu spielen, denn das Jahr 2000 findet statt. Doch bei aller zu erwartender Trivialität des Ereignisses bietet sich, gewissermaßen im überzüchteten Vorfeld, ein Potential der Bilanzierungen an, der Reflexionen und Verständigungen. Dieses Potential können wir nutzbar machen, wir können uns vor Augen halten, was wir geschaffen und was wir im Schatten des Geschaffenen angerichtet haben, wir können Korrekturen anbringen oder zumindest Empfehlungen geben, und wir können einen Standort bestimmen, von dem aus zu denken sein kann. Aber ist dieser Anspruch auf Handlungskompetenz und vollkommene Gestaltbarkeit der natürlichen Umwelt nicht hinlänglich diskreditiert und zahlreich an sich selber gescheitert? Findet nicht gerade dieser Tage ein unumkehrbarer Abschied statt vom Traum der absoluten Verfügungsgewalt des Menschen über die Natur? Dieser Abschied hat ein Symbol: die Raumstation MIR. Sie ist das letzte okkulte Objekt eines Siegeszuges der Technik über Himmel, Erde und Meer, und sie gleicht eher einem Fossil, als daß sie Avantgarde sein könnte. Etwas heillos taumelt sie durch den Raum und kämpft in Wahrheit nur noch um eines: vom Weltall, den zu erobern sie auszog, nicht verschlungen zu werden. Dieses Trauerspiel erscheint uns als Höhepunkt und zugleich als Ende der Technokratie. Aber dieses Ende, muß es auch eine Niederlage sein, nur weil wir vom Weltraum auf die Erde zurückverwiesen werden? Oder sind die Niederlagen nur Niederlagen auf dem Hintergrund eines falschen, den Gegebenheiten unangepaßten Bewußtseins? Ergibt sich aus den Defekten und Irregularitäten vielleicht ein neuer fruchtbarer Boden, den zu betreten wir aufgefordert sind, anstatt in die gewohnten Furchen zu säen und zu beklagen, daß aus ihnen nichts mehr hervorgeht? (…)