Deckblatt Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte

Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte

Roman
Verlag C. H. Beck, München 2008
117 Seiten, gebunden, EUR 19,90
ISBN 978 3 406 57688 1

Woher? Wohin?

Wir liebten die Welt unter der Erde. Jeder war hingerissen von der Nutzlosigkeit seiner Arbeit, die Maschinen wirbelten den Staub durch die Luft, daß es eine Freude war, Zeuge zu sein, das ganze Jahrhundert betreffend. Ja, wir waren der Zukunft zugewandte Leute, an was auch sonst sollten wir uns halten. Die Luft war angenehm abgestanden, der Raum annähernd dunkel. Es war gut für alle, die hin und wieder die Augen verschließen und kurz einschlafen wollten. Nicht lange, fünf Sekunden vielleicht, und auch ich war oft noch einmal weggenickt, morgens. Es gab viel freie Zeit, für die meisten. Die Steine hatten nur auf ein Fließband gelegt, und das Fließband hatte nur an- und ausgestellt zu werden, und das war schon der ganze, einfache Tag. Die Steine indessen hatten sich immer in Bewegung befunden, in Arbeit, sie waren die wirklichen Helden, nicht wir, wie gelegentlich behauptet wurde. Verkanteten sich die Blöcke in der Trommel, was dann passierte, wenn einer wollte, daß es passiert, da er besonders müde war und der Ruhe bedurfte, kam es zum Stau. Aber auch die anderen schliefen fest ein in diesen Momenten, was sehr solidarisch aussah, ein Bild voller Frieden und Eintracht, wie eine Herde schlafender Schafe. Gut, ich habe nie schlafende Schafe gesehen in diesem halbtoten Leben, aber vielleicht spielt auch das keine Rolle. Jedenfalls Strom weg, Maschine kaputt und so weiter. Ein Techniker mußte sich vom Mutterbetrieb weit in unseren Fuchsbau verirren. Keiner von uns konnte sagen, wie oft er unterwegs umsteigen mußte und wie tief er fuhr, um hier seinen Dienst anzutreten. Es war immer derselbe, nur daß er älter wurde. Wir lebten ja mit ihm, waren angewiesen auf seine Hilfe, gewöhnten uns aneinander und sahen plötzlich mit Schrecken, daß er keine Haare und keine Zähne mehr hatte, als er im Licht stand, vor uns, etwas schüchtern, aber dennoch einem Heiligen ähnlich. Seine weit offenen, unbewegten Augen stierten lange in etwas wie einen Kabelschacht, er tastete mit dem Fuß nach der Schwelle, über die zu stürzen den sicheren Tod bedeutet hätte, Tutti, auch das muß gesagt sein, war blind. Wir riefen ihn alle Tutti, schon am ersten Tag vor ich weiß nicht wie vielen Jahren, alle gemeinsam, Tutti, und andere Namen, glaube ich, kannten wir gar nicht. Ich sehe noch, wie er den Tunnel herab und in den Keller hereinkommt, auf stolze Art jung, schwarze, dauergewellte Haare, wie für die Ewigkeit frisiert. Also hereintritt und vor uns steht und von allen, von allen gleichzeitig Tutti gerufen wird. Ein Lichtstrahl brach sich in seinen gläsernen, blanken, hervorgequollenen und uns schon damals ungewöhnlich matt erschienenen Augen und blitzte auf uns herab. Sehr starker Eindruck. Er hatte etwas von Jesus, möchte ich sagen, unser Klempner für gewisse Stunden. Tutti also tastete zunächst mit dem Fuß nach jener Schwelle, über die zu treten sich instinktsichererweise keiner getraute. Jetzt begann eine uns immer wieder faszinierende Kleinarbeit mit den Spitzen der Finger, den Verteiler entlang, über die Steckdosen und Sicherungen hin und an unzähligen Schnüren und Drähten vorbei, herauf und herunter und hin und her, bis er, über das feine Gespür seiner Hände, auf die Stromquelle stieß. Sie hatte er gesucht, sie war das Geheimnis aller Erfolge, die Augen, sagte Tutti, nützen hier sehr herzlich wenig. Das Gespür ist entscheidend, das Talent, den Reizstreifen zu finden mit seiner Rute, seiner Wünschelrute. - Ja, ja, sagte Tutti, noch blau im Gesicht und zitternd am ganzen Körper, wenn gar nichts geht, hilft die Pißwasserprobe, diese Blasenfontäne auf einen Kuhkoppeldraht, der noch am Netz hängt. Tutti war einmalig sportlich, der Strom hatte ihn zäh werden lassen und erfahren dem Leben, nicht uns gegenüber. Er verfügte über eine derart ungewöhnliche, orthopädisch gar nicht nachzuvollziehende Elastizität, die Glieder im allgemeinen, aber hauptsächlich das Rückgrat betreffend, daß er über Untiefen oder Hindernisse hinweg stehen konnte wie ein zur Schlaufe gebogener Draht, rückwärts wie vorwärts. Nicht selten schob sich noch der Kopf durch das O seiner Beine, die Arme hantierten wie mächtige, von der Stirn aus ins Maschineninnere greifende Fühler, und der Körper mit seinem nackten menschlichen Fleisch umhüllte das gefährlich freiliegende Hochspannungskabel, als wäre er ein Mantel aus Kunststoff, unser Tutti. Von einem Tod durch Verbrennen trennten ihn oft nur wenige Millimeter, die wir ihm alle sehr herzlich gönnten. Aber wie gesagt, das waren noch die gesprächigen Zeiten. Später tauschten wir kaum noch Worte, nach all den Jahren, man kann es schon Ehe nennen. Es ist ja wohl doch so, daß wir uns in vielleicht einer, vielleicht zwei Stunden alles zu erzählen vermögen, was auf der Seele herumliegt und gesagt werden will. Dann schon gehen die Wiederholungen los, die fiktiven Verlängerungen, die Legenden, um sich noch etwas bei Stimmung zu halten und im Gefühl zu betrügen, das Leben sei bunt. So waren auch wir sparsam mit unseren Worten, geizten am Ende, die letzten zehn Jahre, mit jeder Silbe. Eine sehr schöne Sprache entstand, aus wenigen Lauten, wie bei klugen Schimpansen. Jeder wußte von jedem ausnahmslos alles. Nur über eines haben wir nie gesprochen, ob Tutti jemals eine Vermutung darüber hatte, daß die Pannen beabsichtigt waren, um besser schlafen zu können. Nun sahen wir ihn im Licht, unseren Jesus, er wirkte auf uns wie leidend gestorben und vergeblich auf seine Auferstehung wartend, wie es vertraglich vielleicht abgemacht war. Jedem war klar, als er ihn so stehen sah, ohne Hut auf der Glatze und ohne Zähne im Mund, den er noch einmal kühn zum Hühnerpo spitzte, um jedem mit einem Bussi Servus zu sagen, aber davon vielleicht ein anderes Mal mehr, von dem Charme, wie er unter uns Proletariern geherrscht hat. Immer Spaß irgendwie, immer gute Laune, viel Schlaf, tagsüber. Keine gräßlichen Pflanzen mit ihrem Anspruch auf Wasser und Licht, kein Kindergeschrei oder nur selten, von draußen, wenn Tutti kam und die Klappe nicht hinter sich zuschob, der blaue Himmel, der dann wie ein Sargdeckel drückte, wirklich sehr schrecklich. (…)