Kurt Drawert

Schriftsteller

Dresden. Die zweite Zeit

Fünfzig Jahre sind vergangen, seit er als Kind mit seiner Familie nach Dresden gezogen ist, das er 1985 wieder verlassen hat. Nun kehrt Kurt Drawert als Stadtschreiber nach Dresden zurück, wo die Mutter lebt, eine Stadt, die ihm vertraut und doch ganz unvertraut ist. Er ist auf der Suche nach etwas, von dem nur er weiß, dass es ihm fehlt. Die Schönheit und die Wunden dieser Stadt, die Wisse in der Familie und in der eigenen Biografie, das schwierige Verhältnis zum Vater und den Brüdern, die politisch aufgeladene Stimmung in Dresden, die offenen Fragen nach Tätern und Opfern, in der großen wie in der persönlichen Geschichte, und die Suche nach einer Sprache dafür, sind Themen und Motive in diesem dichten, autobiografischen Roman.
Mit Witz und Feingefühl, mit einem Gespür für die einschneidenden Augenblicke und prägenden Konflikte im Familienleben, einem scharfen Blick für das Detail, mit bissig-analytischem Verstand, unvergesslichen Erinnerungsbildern und großer Sprachkraft erzählt Kurt Drawert von Verwerfungen und Sehnsucht, Wünschen und Brüchen im eigenen Leben und ihrer Verortung in dieser Stadt.

„„Dresden. Die zweite Zeit“ ist ein Buch über den Zusammenhang von Körper und Sprache und Geschichte, ein gewaltiges, großes Dokument eines ums Verstehen ringenden Blicks auf die eigene Zerrissenheit und die der Stadt und des immer noch geteilten Landes.“

Jörg Magenau, Süddeutsche Zeitung, 08.09. 2020 – PDF Download

 

„Drawert ist als kritischer Poet ein Tausendsassa in allen literarischen Genres.“
Tomas Gärtner, Dresdner Neueste Nachrichten, 10./11.10.2020 – PDF Download

 

„Das Selbstporträt eines Schriftstellers, der in die Abgründe der eigenen Familiengeschichte und einer politisch erregten Stadtgesellschaft blickt.“
Michael Braun, Tagesspiegel, 16.09.2020 – Link zum Tagesspiegel

 

„Kurt Drawerts (…) autobiografisch-soziologische Erkundung (…) reißt manch betäubten Vereinigungsschmerz wieder auf. In der Bibliothek all der Bücher, die sich mit dem gesellschaftlichen Umbruch seit 1989/90 auseinandersetzen, gebührt diesem ein ganz besonderer Platz. Der Autor erzählt keine Geschichten, (…) er seziert sein eigenes Denken und Fühlen, seine Prägung durch die Verhältnisse.“
Cornelia Geissler, Berliner Zeitung, 02.10.2020

 

„Distanziert und gleichzeitig sehnsuchtsvoll ist sein Verhältnis zur Stadt. ‚Dresden. Die zweite Zeit‘ ist ein auch in der Selbstbefragung des Autors schonungsloses Buch.“
Dresdner Morgenpost

 

„Sprachgewaltiger Rundumschlag, der uns eindrücklich vor Augen führt, warum die ‚politische Reaktionsmaschine‘ im Osten noch immer in anderer Richtung und Geschwindigkeit läuft als im Westen.“
Nils Kahlefendt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.09.2020

 

„Drawert liefert eine fabelhafte seitenlange Suada über die Pflicht des Schuhausziehens an der Türschwelle – das hätte ein Thomas Bernhard nicht besser beschreiben können in seinem präzisen Ingrimm.“
Karin Großmann, Sächsische Zeitung, 27.08.2020

 

„Der Schmerz ist eine Metapher für die Geschichte. Kurt Drawert ist ein klarer, analytischer Denker, ein Intellektueller.“
Jörg Magenau, Deutschlandfunk Kultur Lesart, 28.08.2020


„In „Dresden. Die zweite Zeit“ erreicht der Autor eine neue Stufe seiner analytischen Schärfe. Es ist auch ein Buch über das Erzählen selbst als schonungslose Selbsterkundung, über das gewiss nicht deckungsgleiche Verhältnis von Wirklichkeit und Wahrheit. (…) Gerade, indem Drawert sein Erzählen im Akt des Schreibens seziert, das Ergebnis nicht mit Geschichten verstellt, gelingt ihm eine große Klarheit in dieser eindringlichen autobiografischen Recherche.“ 
Johannes Breckner, Darmstädter Echo, 09.09.2020

 

Drawert beschreibt in seiner melancholischen und schmerzhaften, klugen und unterhaltsamen Reflexion über diese Stadt klar und verständlich deren Zerrissenheit zwischen einstmals glanzvoller, aufgeklärter Metropole und dem biederen Personal von heute. Hervorragend.
Münchner Merkur, November 2020

 

Während seines Aufenthaltes in Dresden überrascht den Erzähler Blitzeis, er fällt hin und seitdem geht ein Riss durch seine Schulter, was ihm bis heute Schmerzen bereitet. Der Riss als Metapher – alles, was wir erleben, ist in uns. Davon erzählt dieser autobiografische Roman. Poetisch, offen und sehr verdichtet. Für die Lektüre solte man sich Zeit nehmen.
Barbara Zeitzinger, fixpoetry, 03.10.2020

 

In 33 Abschnitten mischt Drawerts Buch Gegenwart und Vergangenes, Politisches und Privates, Beglückendes und Empörendes, Anekdoten und Träume. (…) „Dresden. Die zweite Zeit“ ist ein Text mit vielen Facetten. (…) Kurt Drawerts Debütband hieß „Zweite Inventur“. Auch sie läuft auf eine Bestandsaufnahme hinaus – des Lebens, der Familie, innerhalb derer Drawert aufwuchs und zu (über-)leben lernte, Literatur und Philosophie als Flucht- und Rettungspunkte und einer Stadt, die nach fast einem halben Jahrhundert in der Fremde immer noch keine heimische Wärme verströmt.“
Dietmar Jacobsen, literaturkritik.de, 01.10.2020

 

Alles neigt sich zum Unverständlichen hin. Gedicht.

(…)

  • 11) Die letzte Stunde. Vor den Spätnachrichten.

Eine Annonce am Abend hielt mich hellwach: Suche und biete Subjektrest liegt wertlos im Altpapier oder kommt und zum

Fraß für die Hunde. Versuchte herauszufinden, wer so etwas Schönes noch immer besaß, ein S. und womöglich noch ohne $

 

ausgestrichen. Das war klar antiquarisch und nur noch mit Bit- coins, wie sie seit gestern bei ALDI zum Kurs 1 : 37.931,04

wie warme Semmeln unter der Theke weggingen, & auch ich

war mit einer Anleihe von 0,00000Periode 0,1 mit dabei (in Zahlen:

 

meine 2 Euro fünfundzwanzig aus der Altersvorsorge wurden

zu 10 % hypothekenbelastet, was erst einmal hart zur roten Schuldenbank steuert, aber, so er (ich) noch zweiundzwanzig Jahre gut durchhält u. spart, kommen fast. Mein Rechenschieber

klemmt. Gerade jetzt. Ausgerechnet. Immer, wenn es um: eben

die Wurst geht. Metaphorisch gesprochen. Aber wir wissen nun erst einmal wohl, wie sinnvoll es ist. Sich darum zu kümmern.) Ich glich die Gleichung mit meinem Smartphone ab, das wahn-

 

sinnig feinnervig auf wirklich alles reagiert. Manchmal denke ich, es, nicht ich ist der Mensch. Die Erfahrung der persistieren-den Bedürftigkeit u. Insuffizienz generiert klar d. Maschine. Sie schaut dich an – und du schaust zurück u. weißt, dass du nichts

 

bist. Ein wenig mehr als Hundedreck, wenn die Gewerkschaft auf Draht ist. Vorausgesetzt freilich, du hast auch geklebt. – „Hey Siri. Wie ist das Wetter auf Madagaskar ?“ – „Wie auf Helgoland am 22. Juli 2021“. Unglaublich. Diese Infoachse und

 

immer auf dem neuesten Zähler im Schritt. Auch haptisch. Ein Hauch auf das Display + eine Raspelstimme weiblich u. warm

oder männlich u. cool nennt den Preis pro Minute. Da kommt wirklich gar nichts mehr mit. Selbst für den Weg zur Toilette

 

über den Hausflur schlägt sie eine Route vor, zu Fuß, mit dem Fahrrad oder divers. Im Hintergrund, bei rötlicher Standlicht-

beleuchtung, eine Sonate von Mozart. Eingespielt vor gut einer Stunde. Von einer russischen Militärkapelle. Im Sondereinsatz.

 

An der Grenze zum Vorgarten mir schräg gegenüber, wo unsere Frau Müller ihre Mohnkapseln züchtet. Der neueste Schrei: fuck you Siri. Kostet nur 2 Äpfel + 1 Ei, macht aber irre besoffen. Da war die Staubsaugeröffnung vom letzten Frühjahr die blanke

 

Fehlentscheidung. Die elektronischen Möpse. Gigantisch, was da alles noch Platz hat, so zwischen den Beinen der Betriebs- nachrichten. Auch ohne muskuläre Realentspannung. Es wirkt. Bei den meisten. Mir geht es wie dem Huhn, das jeden Tag 1 Ei

 

gelegt hat und dennoch gleich zur Schlachtung muss. Ein Sturm von Sibirien über die Ukraine bis nach Krautenbach i. Odenwald zieht auf. Insekten sind plötzlich alle verschwunden. Ich sehe es an meiner Fahrzeugscheibe, wenn ich zu ALDI fahre, um neue

 

Bitcoins zu tauschen: Die blanke Leere auf dem Glas. Fast rein. Es gibt so vieles, was die Welt nicht gebraucht hat. Fliegen, Schnaken, Schmetterlinge. Für wen und warum. Produzieren sie

Energie, Frage? (…)

 

35  Die Landschaft ist von Geräuschen durchzogen bis gegen Abend, dann fällt eine große Stille ins Feld, in der nichts mehr erscheint. Ein Frieden könnte es sein, oder die Auslöschung der

Tage, oder die Natur hat sich im Zorn gegen uns gewendet und sendet ihre unheimlichen Boten. Die Welt der Dunkelheit nimmt zu, die Helligkeit ab, die Wörter, bis eben folgten sie dem Flug

einer Schwalbe, die gerade den Sommer verlässt, im Ausschnitt eines Bildes, einer Fotografie, die diesen Moment festgehalten hat, ehe er verschwindet, in seiner Geschichte des Blicks.

 

36 Und wenn ich, wie eine zertretene Schnecke ohne ihr Haus, so ohne Schutz sein werde, ohne eine Hülle, eine Form, die einem Mantel gleicht – dann treibe ich, im Strom nackter Dinge, ab,

 

und irgendwohin, wo auch kein Wort mich mehr findet. Als Kinder versteckten wir uns so, das Gebüsch war die Sprache,
die spitzen Äste, die ins zarte Fleisch der Füße stachen, brachen

wir weg. Obwohl uns zunächst keiner fand, blieben die Sätze doch immer die Sätze und blieb die Welt für immer die Welt. Aber das verstehe ich erst jetzt, in diesem verlorenen Moment,

und so hart mit dem Fuß auf dem zarten Haus einer Schnecke.

 

37 Manchmal denkt man daran, einfach nicht mehr zu atmen. Der Gedanke ist friedlich. Wie ein tropfender Wasserhahn,

der plötzlich still ist. Wahrscheinlich hinkt der Vergleich –

 

aber ich wollte etwas Schönes sagen. Besser als der schrille Ton
einer Kreissäge, wenn sie den Wald zerschneidet. Oder Kinder-geschrei, das einen nichts angeht. Es gibt so vieles, das an den

Nerven rüttelt, man käme, mit weiteren Vergleichen, wohl
an kein Ende. Da möchte man einfach nur die Luft anhalten,
bis das alles vorbei ist.

38 Fast jeden Tag kommt eine Katze, von wilden Kämpfen gezeichnet, an meine Haustür und bittet um Einlass. Manchmal

hat sie ein totes Tier im Gebiss, das sie mir als Geschenk auf die Steintreppe legt. Dann will sie, meistens, über Sartre sprechen, über Das Sein und das Nichts. Oder sie kommt wie ein Gast mit leeren Händen, ohne einen Grund, ohne Erwartung. Ich gieße ihr

Milch in die Schale und erfreue mich daran, dass jetzt keiner etwas sagt.

 

39 Es gibt Momente, da hilft das Pendel, das Frau Müller

mir einmal zu Weihnachten schenkte, tatsächlich. Ich lege mich nieder auf meine Kontoauszüge, links und rechts Mahnpost, der

 

blutige Terminkalender, und schon geht es los. Der linke Arm, fest gegen den Boden gedrückt, hält Kontakt mit den Seelen unter der Erde; indessen der rechte, mit heilig und rechtsherum

 

kreisender Hand, pendelt mich aus. Ich spüre – die Energie, eben noch fremdgesteuert vom Finanzamt meiner Gemeinde, kommt langsam zurück. Die Lust, ein schönes Feuer zu zünden und zuzusehen, wie alles, was aus Papier ist, verschwindet. 

40 Der späte August rollt seine Wiesen zusammen und schaltet den Strom ab. Die letzten noch zuckenden Bienen retten sich

in den Honig des Jahres. Auch sie, fast ohne Führungspersonal.

 

Die Liebenden der Saison sitzen wieder allein und am gleichen Ort wie im Winter. Zwei Schwalben, wenn sie aneinander vorbei in falsche Richtungen fliegen, sehen ebenso aus.

 

Wer kann, lässt sich jetzt heimholen. Von einer Mutter, die überlebt hat, oder den Pflegefachfrauen aus Übersee. Rilkes Haus übrigens, das er sich doch noch gebaut hat, steht morsch

in der Heide. Sonst geht es gut. Außer vielleicht, ich ertrage keine Geschäfte für Bürobedarf mehr.

 

Inhaltsverzeichnis

 

  • 1) Die Würde des Menschen ist.
  • 2) Das Ypsilon der Hysterie.
  • 3) Das verfluchte Objekt a.
  • 4) Anfang + Ende.
  • 5) Die Landschaft schweigt weiter.
  • 6) Miasmen. In jeder Metapher.
  • 7) Die analytische Situation. + Mangel an Fachpersonal.
  • 8) Die Lüge der Liebe kehrt gnadenlos zurück. (Die Frau mit den falschen, hochgesteckten Haaren.)
  • 9) Wo u. warum bin ich weswegen. Mehr als
    1 Sonetten-/kranz (corona / engl.)
  • 10) Am Nullpunktstünde ich gern.
  • 11) Die letzte Stunde. Vor den Spätnachrichten.
  • 12) In Zelten am Rande der Parkanlage. America Metaphern.
  • 13) Dass ihm der Scheitel gerade wie die Falte in der Hose sitzt.
  • 14) Nachträgliche Nacht-/notizen. Psalmen. Gebete.

        Leseanleitung[1]

        Anmerkungen. Danksagung. Fotolegende.

        [1] Eine Empfehlung. In einfacher Sprache.

        »Dresden. Die zweite Zeit«

        Roman

        chbeck.de, München, 2026

        294 S., Softcover
        ISBN 978-3-406-84605-2