Kurt Drawert
Schriftsteller
2000 unternahm Kurt Drawert eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland, 2001 publizierte er einen Essay darüber, der zeitgleich bei Suhrkamp und bei Arche in Zürich ediert worden ist.
In diesem Text reflektiert er nicht nur die Reise und Psychologie der Motive, die zu einer solchen Reise (ver-)führen, er beschreibt auch den historischen Paradigmenwechsel der Systeme sowie die Grenzlinie zwischen analoger und digitaler Welt, die mit diesem signifikanten Datum verknüpft sind.
Die „America. Metaphern“ bezeichnen kurze, philosophische Reflexe und Reflexionen einer Amerika-Reise im Jahr 2022, wo der Autor Stipendiat der Villa Aurora in Los Angeles war; Orte, Räume, topologische Signifikanten, die Auskunft geben über eine Mentalitätsgeschichte und Verweise auf die geopolitische und kulturelle Gegenwart sind.
Die zwei Reisetexte, die fast ein Vierteljahrhundert voneinander trennt, fügen sich in ihren Fragen und Sujets zu einem Text zusammen: Wie wirken Raum, Zeit und Geschichte auf die psychische Verfasstheit der Menschen, und wie wirken die Menschen auf diese Räume zurück.
„Wer sich im Reiseleiter irrt, für den scheitert die Fahrt schon im Aufbruch. Beim ersten Satz, noch ehe die Tür sich hinter dem Zuhause mit allem Vertrauten schließt. Wer bei Kurt Drawert das Billet löst und mit ihm aufbricht ins Unbekannte und Fremde, der macht sich auf die Reise mit einem besonderen Begleiter – auf einen Weg, der möglicherweise nirgendwohin führt und der schön allein dadurch ist, dass es ihn gibt. (…) – Christian Döring: „Eine Reise mit Kurt Drawert – Fremdenführer in die Simultaneität“, TEXT + KRITK, Heft 213.
„Was Kurt Drawert zu erzählen weiß, gehört zum Riskantesten, Verstörendsten und – man muß es in einem Atemzug sagen – zum ästhetisch Herausragendsten, was unsere derzeitige Prosa zu bieten hat.“
Iris Denneler, Neue Zürcher Zeitung, 31.5.2001
Textauszug 1
(…) Aber jetzt fahren wir, und während sich alles auf dem Gang abspielt, als wäre von dort eine besondere Erscheinung in der Natur zu verfolgen, schließe ich mich ein und erlebe das Glück, vor aller Welt im Verborgenen zu sein. Die Wände sind der warme Stoff eines Mantels, den mir eine Mutter, die ich nicht kenne, über die Schultern gelegt hat.
Es ist, als hätte ich immer, bis zu dieser Minute, gefroren, und als wäre ich immer, bis zu dieser Minute, in einer Fremde gewesen, von der ich nicht einmal wusste, bei welchem Namen sie genannt werden kann. So also komme ich für diesen einen kurzen, ewigen Moment nach Hause, und es ist doch nur eine Heimat der Abgewandheit, ein innerer, in den Tiefen eines je uneinlösbaren Verlangens abgesenkter Ort, der existiert, nicht aber betreten werden kann, denn er ist ohne Materie, ohne Sprache und ohne ein Bild. Und er erscheint, weil ich Kilometer für Kilometer die Geschichte meines Körpers verlasse, oder es mir einbilde, sie zu verlassen, da das schon der Sinn dieses Glücks ist.
Noch niemals zuvor konnte ich in einer Ferne die Nähe zu meiner Herkunft verlieren, und ich habe es versucht, Umzug für Umzug und Reise für Reise, um selbst noch in einer australischen Strandbucht dem Eindruck zu erliegen, nicht tatsächlich weg und den Blicken entkommen zu sein, die auf mich gerichtet meine Umkehr erwarten. Doch vielleicht entgeht man dem Taifun gerade dann nicht, wenn man ihn flieht, anstatt sein Zentrum zu suchen, dort, wo er ohnmächtig ist, im blinden Fleck seines Auges. Warum wusste ich nicht, dass es diese und keine andere Richtung sein muss, zurück und nicht vorwärts, aber als eine Durchquerung, warum wusste ich es nicht.
Die Landschaft hinter dem Fenster ist ein träge ziehender Schatten geworden, der keine Umrisse zulässt, die reine Gestalt einer Nacht. Hier und dort kleine Lichter, die vielleicht Täuschungen sind oder Hütten, wie sie vereinzelt und weltverloren in der Nähe der Gleise auf ihren Zusammenfall warten und deren Bewohnbarkeit mir nicht vorstellbar ist. Ihnen, die vor ihre Türen treten, sobald die Schienen zu klingen beginnen, wird der Zug eine Vorstellung sein, und lange werden sie ihm nachsehen wollen, wie er hingeht und hinter einem Hügel zwischen Himmel und Erde verschwindet, als wäre er der eigene vergangene Tag. (…)
Textauszug 2
Objekt klein a Ich weiß nichts von America, habe nur ein dumpfes Gefühl, dass hier die Uhren anders ticken. Ihre Zeiger bewegen sich in umgekehrter Richtung, wie ein Geisterfahrer gegen den Strom. Im Witz ist die Pointe seine Verwunderung darüber, dass ausnahmslos alle falsch fahren. Vielleicht ist das Bild nicht korrekt, denn America ist nicht das Gegenteil Europas, sondern seine abgewandte (oder verdrängte) Seite, die sich selbst nicht mehr wahrnehmen kann. Immerhin liegt sein Ursprungsmythos im europäischen Calvinismus, aus dem die gigantische Überproduktion aller Dinge und Möglichkeiten hervorgegangen ist. Sein Anderes also ist ein blinder Fleck des eigenen Seins – Objekt klein a.
Russland Es drängt sich mir auf, America immer wieder in Korrelation zu Russland zu denken, eine Doppelmatrix, in der das eine Bild nicht isoliert vom anderen erscheinen kann. Zwei gigantische Imperien, die einander ebenso rivalisieren, wie sie, in ihrer Bezogenheit, einen Selbstwert ableiten. Die große, unbesiegbare Sowjetunion – so ein Topos der DDR – und die imperialistische Weltmacht America. In den Jahrzehnten des Kalten Krieges führte das Gleichgewicht der Kräfte zu einer Erstarrung, die wir für Frieden hielten, aber nur eine Begrenzung der politischen Beweglichkeit war. Die Phantasmen der Aneignung und Ausdehnung, die inhärente Vereinnahmungslust eines gewaltigen Systems – das immer noch gewaltiger sein will und damit eben auch gewalttätiger wird – brachen in dem Moment durch, in dem die Architektur einer (angenommenen) Egalität zerfallen ist; wir sehen nicht mehr, wie stark oder schwach der Andere ist, wie angreifbar und verletzlich; wir (die Systeme) testen es aus (!).
Räume Mit dem Auto durch America fahren: aus Los Angeles heraus und über den highway 66 nach Arizona, entlang am Rande der Wüste und durch sie hindurch, bis zum Grand Canyon, fahren – fahren – fahren –, bei einem speedlimit von 65 Meilen die Stunde, vor, neben und hinter einem die großen Trucks, die das Land miteinander verbinden, wie kleine, abgefeuerte Zellen in einem gewaltigen Organismus, durch den sich die Adern der Fernstraßen ziehen, und dann wieder gar nichts, Leere, Stille, eine unendliche Abgeschiedenheit, fahren – fahren – fahren, am Horizont ein Gebirgszug, dem man entgegenfährt, ohne ihn je zu erreichen, da er weder größer noch kleiner wird, nicht näher oder ferner erscheint, wie eine optische Täuschung, eine fixe Idee von einem Gebirgszug (denn man umfährt ihn im Kreis, wodurch sich die Perspektive so lange nicht ändert), hier und dort ein liegengebliebenes Auto, verrostet, mit platten Reifen und zerschlagener Fensterfront, durch die jetzt die rattlesnakes kriechen, um sich unter den Sitzen einen Brutplatz zu sichern, fahren – fahren – fahren –, die Zeit ist eine Einbildung, alles ist Raum und der Raum ist unendlich, das Subjekt, in dieser Unendlichkeit, zerrinnt, zerschmilzt, verflüssigt sich, verliert seine Sprache, seine Konsistenz, wie die Hitze der Wüste alles verflüssigt und mit Sand beerdigt, ein latentes Delirium, eine plötzliche Schlaflust, ein inneres Weg- und Ausgelöschtsein, kein Tod, keine Nacht, eher eine besondere Form der Konzentration: Diese Momente, die Stunden und Tage werden, Wochen, Monate und Jahre, und dann doch wieder nur ein Augenblick sind, ist America. Die Zerstreuung der Dinge im Raum ist America (im Zustand eines psychophysischen Rauschs).
»Nach Osten ans Ende der Welt & America Metaphern«
Zwei Erzählungen / Essays
axel dielmann – verlag KG, Frankfurt am Main, 2026
104 S., Hardcover
ISBN 978-3-86638-075-2